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“Sie sehen wo ich bin D.S.!…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

98

Data completa:

1915 apr. 08

Descrizione:

Briefwechsel: n. 213

Trascrizione:

Sie sehen wo ich bin D. S.! Ich habe nämlich zu Ostern ein ganz besonderes Osterei, unter der Gestalt eines Telegramms von Pascha erhalten, der auf ein paar Tage herkam - Sie können sich denken wie ich (und Alex mit) heruntergesaust bin, und wie glücklich hier mit ihm zu sein und ihn Gott sei Dank und unberufen wohl auf zu finden - obwohl er auch krank gewesen war (aber noch in Februar glaube ich) und uns nichts sagte um uns nicht zu ängstigen - ein anderer hätte sich gewiß einen Urlaub genommen - aber Pascha, in seiner stillen Art, ist ein selten gewissenhafter, ausdauernder Mensch, und hat von seinem Generalen (der desperat war ihn nicht mehr zu haben, -da P(ascha) eine neue Bestimmung bekommt, - und fast geheult hat beim Abschied) nicht nur eine offizielle schriftliche Korps Belobung aber noch mündlich vor allen Offizieren eine große Lobrede, gekriegt. Da dieser General ein sehr strenger eigentlich gefürchteter Mann ist, will das viel sagen. Diese harte Zeit hat Pascha glaube ich sehr gereift; er war oft im Feuer, hat in Schützengräben mitgeschossen, und mit der größten Ruhe die entsetzlichsten Spitäler freiwillig inspizirt - und das hat seinen Kameraden am meisten imponirt. Jetzt bleibt er noch einige Tage hier - bis zum eilften, und geht dann zu seinem neuen Kommando. Das Wetter herrlich, ich schreibe Ihnen in meinem kleinen Boudoir, D. S., die Sonne strömt herein durch das offene Fenster und es sind so viel Blumen auf allen Tischen daß für gar nichts mehr Platz ist - Herrliche Karcissen, Fresien, daffodils, die wunderbaren goldgelben goldbraunen tief gold-purpurnen Violari (ich glaube es heißt Goldlack) Anemonen in allen Farben, Tulpen wie die kleinen Flammen, und Veilchen in Unmassen -Auf dem blauen Meer tanzen Millionen von Funken - und es ist so still - so friedlich - Ay de mi! Gestern abends haben wir «gezaubert». Sie wissen wie es geht mit Pascha -ganz merkwürdig und so schnell daß wir kaum nach konnten - es kam auch einiges für Sie D. S. -Nämlich nach vielen merkwürdigen Aussprüchen dieses folgende was ich Ihnen copire, ganz plötzlich: «Warum singt er nicht?» Frage: Wer soll singen? Antwort: «Der Poeta - schreibe ihm er muß, er soll. Seine Pflicht. Seine Bestimmung. - Er soll. Gestreift wurde er einst von - Nein - Schreibe ihm ich will. - Nicht soll et vergessen denn nur dazu lebt er. Sonst verliert er den errungenen Theil. Ja. - Ich habe gesprochen. Ich, einer der fast die ganze Schnur sieht.» - Und dann war es aus. - Die Schnur, (die Perlen­Schnur) war früher bildlich als unsere Leben die Continuität unseres Wesens gemeint -und da hatte es gesagt: «Oft seid ihr am Anfang. Oft, ja oft in der Mitte - Manches Mal aber nur die Auserlesenen, am großen Ende -und dann werdet ihr die ganze Schnur wissen.» Merkwürdig -und fast gerade so merkwürdig wenn nur das eigene Unterbewußtsein spricht. D.S. ich habe Ihnen für Ihren lieben Brief danken wollen - wissen Sie daß ich mich eigentlich gefürchtet habe daß Sie sich über meinen letzten - mit Weisheit Gänsen und Astronomie gefüllten - Brief ärgern würden und wuthentbrannt mir Mind your business zurufen würden. Aber Sie sind nicht umsonst der Serafico! - Wer ist dieser merkwürdige Mann aus dem Totenreich, den Sie kennen gelernt haben - Hat er etwas geschrieben?? Ich habe so eine vague idee von ihm gehört zu haben. - Die Gedichte über Frau K(assner) sind wunderschön besonders das zweite - und ich finde auch daß es eine gute Note für sie ist. Nach dem Vortrag der Weise des Cornet haben beide bei mir soupirt. Wenn ich mich jemals in so etwas wieder hineinmische, so thue ich es ganz bestimmt ganz allein. Die gute H(attingberg) ist ein Confusionsrath, und Onno hat zwar die Weise sehr schön gesagt (Musik wirklich schön, bis gerade auf den von Ihnen gerügten Punct, der Brief, der meiner Ansicht nach ganz falsch aufgefaßt ist) aber die Gedichte hat er sehr schlecht gelesen - Übrigens war in dem ovalen Marmorsaal der sonst entzückend gewesen wäre, so ein Wiederhall daß man sehr schwer verstehen konnte. D.S. Sie werden sich freuen über Sidi N(ádherný‘s) Verlobung; er ist ein Wittwer, ich kenne ihn nicht. Ihr Gedicht klingt, an sich, wie die schönste Musik - die gute Pejacsevich wird es gewiß verschandeln. Dieser Brief scheint mir sehr confus, Serafico, aber ich habe Ihnen die «Zauberformeln» gleich schicken wollen, und Sie aus Duino grüßen. Alex, Pascha tragen mir alles Erdenkliche auf - Sie wissen daß Erich in Wien ist. - Ja es ist wahr daß man die Leute bis 42 Jahre einberuft -wo müssen Sie sich da stellen? Schreiben Sie mir darüber - Ich glaube aber man wird Sie in Ruhe lassen - O D. S.! wie lange dauert es noch! Ich habe viel Mühsames und Trauriges durchgemacht in der letzten Zeit, und hätte auch eine Predigt gebraucht - aber alle Wege sind sein. - Alles alles Herzliche MT
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