passa al contenuto principale

“Dottor Serafico!!! Eigentlich möchte ich Sie furchtbar verschimpfen…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data:

06-03-1915

Data completa:

1915 mar. 06

Descrizione:

Briefwechsel: n. 211

Trascrizione:

Dottor Serafico!!! Eigentlich möchte ich Sie furchtbar verschimpfen - ich glaube Sie würden es nothwendig brauchen wirklich ausgezankt zu werden wie ein baby - der Sie ja auch eines sind, obwohl dabei ein großer Dichter .... Aber Dottor Serafico! Je der Mensch ist einsam, und muß es bleiben und muß es aushalten und darf nicht nachgeben und muß die Hilfe nicht in anderen Menschen suchen sondern in dem geheimnissvollen Walten das wir in uns fühlen ohne es zu kennen oder zu verstehen - Und wer fühlt es so wie Sie, Sie Gottbegnadeter, Sie Undankbarer! Und was brauchen Sie immerfort dumme Gänse retten zu wollen, die sich selbst retten sollen - oder der Teufel soll die Gänse holen, - er wird sie ganz bestimmt wieder zurückbringen (Sie brauchen sich nicht zu ärgern denn ich kenne Niemanden und weiß von Niemandem) Es kommt mir vor, D. S. daß der selige Don Juan ein Waisenknabe neben Ihnen war - Und Sie thun sich immer solche Trauerweiden aussuchen, die aber gar nicht so traurig sind in Wirklichkeit, glauben Sie mir - Sie , Sie selbst spiegeln sich in allen diesen Augen - Mein kleiner Enkel Hansi, der 6 Jahre alt ist (aber ein Gemüth, denn er zieht seine Hose nur dann an, wenn man ihm bestimmt versichert daß sie nicht von England kommt) hat letzthin eine Zeitung genommen und seinen Geschwistern folgendes vorgelesen: «Gott sprach zu den Menschen: Gewiß werd ich Euch helfen, aber Ihr müßt gut und tapfer sein; die Feinde werden weglaufen. Und jetzt gebts Ruh.» - Und es ist ganz sicher; die Gänse, die Eseln, die Schlangen, die Nachteulen, die Mistkäfer, die Skorpione die uns das Leben versauern werden alle einst abgeschoben werden - Ich höre Sie: O Gott o Gott! und Sie schauen herum ob Sie von allen diesen niedlichen Thierchen umgeben sind. - Das sind alles Schatten, D. S. - Afflavit Dominus et dissipati sunt - Schatten wie unsere Schmerzen und Sorgen - alles Schatten welche vergehen, und nur eines bleibt und ist ewig - die Freude - Ja D. S. glauben Sie es einer Frau die weiß Gott ein hartes Leben gehabt hat - es gibt ein Gefühl des extatischen Jubels der über unsere Menschlichkeit schwebt und uns ruft - Hören Sie diese Stimme - lauter für Sie - trotz allem - als für alle anderen - Und nicht die klagenden Unken - welche dann ganz vergnügt in ihrem Tümpel herum schwimmen werden! Natürlich kenne ich den Aretin, es ist ja ein Vetter von uns - durch seine Mutter eine von der Leyen, und durch seine Frau, eine Belcredi. - Er hat die schönsten Hände die ich jemals an einem Europäer gesehen habe. (Lord Lee-Ching-May der chinesische Botschafter, hatte noch schönere, aber das waren schon Hände die eine jede Menschlichkeit überwunden hatten.) Aretin erzählte mir einen ganzen Abend von den Sternen welche wir nicht sehen können weil sie ultra-violette Strahlen von sich geben. - O Serafico denken Sie sich, ces abîmes dans l‘infini remplis d‘étoiles fantômes - durch Tage konnte ich den Gedanken nicht los werden - Sternen-Gespenster .... welche Welten ... Aber ich bin (als gute Cousine der armen, sehr wenig hübschen Marianne Belcredi) über diese, von Ihnen angedeuteten «Beziehungen zu vielen Sonnen» - beunruhigt - Wirklich, D. S. Sie glauben daß der gute Aretin so unerhörtes anstellt -und gleich mit einigen Sonnen, sogar mit vielen? O Gott o Gott, D. S. wollen Sie da nicht auch rettend eingreifen? Aber ohne Spaß, ich habe diesen Astronomen sehr gerne, und war desperat daß er von Wien weg ist; ein ganz eigener Mensch, den auch Freund Kassner sehr goûtirte - Letzterer scheint mir sehr zufrieden. Er studirt Chemie (oder was anderes - jedenfalls geht er täglich in die Universität) Und ist außerdem nur mehr Krieg und Politik. Vorgestern hat er hier gegabelt, und mir erzählt daß er, abends, fast gar nicht mehr ausgeht. Er sitzt zu Hause in einem großen Fauteuil - seine Frau auf einem Schemel zu seinen Füßen .... Die Art wie er mir das erzählte war viel sagend, er muß sie sehr gerne haben, und sehr glücklich sein. Gott erhalte es ihm. - Aber merken Sie sichs D. S. helfen wird es ihm nicht, besonders nicht wenn er glücklich ist - denn uns armen Wandelnden hilft nur der Schmerz - Das Erdenglück hemmt - wenn K. in seinem Innern einsam bleibt dann wird er auf seiner Höhe bleiben. Das verhindert nicht daß die kleine Frau einen sehr sympathischen Eindruck macht; sie ist, glaube ich, sehr klug. D.S. ich habe einige Stellen der Musik des Cornet gehört; und die gefielen mir -aber ich begreife was Sie sagen. Es ist auch die Meinung von K(assner) - Doch jetzt sind wir in for it. Es soll am 27ten gegeben werden, und zwar für Kriegswohlthätigkeitszwecke natürlich. - Und noch eine Seccatur und Zumuthung­Dürfte der Schauspieler (der sehr gut sein soll) Ihre «Skizze zu Sct Georg» vorlesen? Wir müssen noch einiges haben-und ein unbekanntes Werk von Ihnen wäre sehr schön. Aber wenn Sie nicht wollen, schreiben Sie wuthentbrannt / und jetzt schon mache ich mir Skrupeln und sehe Sie «mit blutigen Nägeln auf Granit» kritzeln. Wenn Sie es erlauben würden wäre es sehr nett von Ihnen, und Sie würden dem «Invalidendank» helfen, D. S. der es verdient, und Alex zum Präsidenten hat. D. S. Sie wissen wie gut ich es mit Ihnen meine - Am Liebsten käme ich nach München, und möchte Sie sauber einpacken, (mit «Vorsicht, leicht gebrechlich» auf der Kiste) und nach Duino nehmen, wo es jetzt Frühling ist, D. S. und die Obstbäume blühen -Ich habe heute früh einen ganzen Wald von blühenden Mandelzweigen mit dunklem Lorbeer gemischt, erhalten - O es ist schön, und der Mühe werth zu leben, um den herben süßen Geruch einzuathmen - In Duino würden wir allein sein und wieder die Elegien brausen hören wenn die Bora jauchzend über das blaue Meer fliegt - «Uraltes Wehn vom Meer .... » Dieser Brief ist zu lange geworden, - verzeihen Sie die Länge und die Predigt Serafico, carissimo, der Sie einst waren (so sagte es die «Unbekannte») «Der klagenden Kinder, einer» - Aber jetzt müssen Sie nicht klagen, sondern singen - denn dazu sind Sie auf die Welt gesetzt worden, und gar nicht um Gänse zu retten - (und an die Geschichte vom Kapitol habe ich nie recht glauben können.) - Unendlich viel Herzliches von Alex und mir MT. Gott sei Dank und unberufen gute Nachrichten von Pascha. - Erich hier.
Torna su