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“Serafico, ich sitze ganz allein…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

152

Data completa:

1921 giu. 20 ?

Descrizione:

Briefwechsel: n. 342

Trascrizione:

Serafico, ich sitze ganz allein im rothen Salon. Alex ist in der Slovakei, Professor in Iglau, die Erichs die kommen sollten scheinen zu verschieben. Vis-à-vis von mir steht das berühmte kleine Möberl von meiner alten Antoinette - ein kleinwinziges Schreibtischl; - in einer Schublade sind noch Tintenfaß und etliche kleine merkwürdige Silberutensilien. Louis XV, bois de rose mit bronzen, ein Entzücken. Es leistet mir Gesellschaft, und erzählt mir von den Tuillerien wo es behauptet im Zimmer der Königin gewesen zu sein. - Auch Marcel Proust leistet mir Gesellschaft - wie wunderbar seine rücksichtslosen, manchmal grausamen Analysen - Dinge wo man aufschreien möchte - Aber wie mühsam oft sein Styl - Es ist wohl gewollt, denn bei einer so klaren Sprache wie die französische, kann es nur un fait exprès sein, wenn man manchmal eine Phrase 3-4 mal lesen muß bevor man sie versteht ... Auch Ariane habe ich mit Freude gelesen, dafür «Un homme heureux» hat mich zur Raserei getrieben - ein langweiliger Egoïst der nur eine Seele hatte et qui trouvait sa sale petite âme et son sale petit bonheur si importants. J’espère qu’il s’en est allé en Amérique et «qu’il s’est noyé en y allant! Et ding et dong et ding dong dan!» Aussi «Pécheresse» de Henri de Régnier est très ennuyeux. Et il dit un livre d’amour - il n’y a pas un mot d’amour dans taut le livre - la «pécheresse» est une oie hystérique - serait c’est a dire, si elle vivait, mais Dieu merci elle ne vit pas plus qu’une borne - Par contre «Tant pis pour toi» par Gerard d’Houville, délicieux, amusant, pimpant et drôlatique - Le quatuor, Remy, Marinette, le renard Adolphe et l’Enchanteur Merlin, des amours que l’on est navré de devoir quitter si vite. Et autant de philosophie si non plus et de meilleur aloi dans le petit doigt de Madame que dans les deux pattes de Monsieur! Aber Serafico, die Holbeins in Basel! Da habe ich einen wunderbaren Vormittag zugebracht - habe mich nicht trennen können - besonders von den göttlichen Zeichnungen. Mit so wenig so viel erzielen! - Schade daß Sie nicht mit Waren!, sonst war ich ganz froh allein zu sein. - Nachmittags die Franzosen - Und das war wieder ein unbeschreiblicher Genuß - ganz besonders die Courbets - da ist ein Bild wo man Erde und Luft spürt, wie auf kein anderes je gesehenes - die Materialität der Scholle, die Fluidität der Atmosphäre - ein anderes wo eine Herde Schafe flüchtet in einem so rasenden Tempo daß die Bewegung fließt - und man spürt den Wind - er nimmt einem den Athem! Auch ein ganz besonders reizender Corot - très simple, une berge, blonde à peine; sous l’argent azuré d’un ciel de France - Nach den Holbeins war es mir ganz besonders interessant ein paar Zeichnungen von Ingres zu sehen - Basel hat mir sehr gefallen; der Rhein ist so mächtig und breit - auch der Münster schön und nicht gar so kalt wie in Genf. Aber unser Herr Gott kommt auch ganz bestimmt nicht hin. Ich habe einen langen Palaver mit dem guten Erzherzog gehabt, und dann abends sehr gemüthlich bei Ihrer Freundin v. der Mühll gegessen. Leider ist ihr Bruder der eintreffen sollte, nicht erschienen. Sie ist reizend, hat ganz besonders schöne und kluge Augen. Die Fahrerei dann bis her, den nächsten Tag, mühsam aber doch gut gegangen. Mein Josef und meine Emma waren die ganze Reise wie Hund und Katz. Ihm ist vor Wuth die Perrüke zu Berge gestiegen - Sie hat ihr Gesicht mit einem Schnupftuch, und über das Schnupftuch mit einem Schleier, bedeckt, und ist wie die Statue der wüthenden Verzweiflung von Eger bis Prag gefahren. Hier fand ich viele Briefe, darunter einen von Kassner der sich für Mitte Juli ansagt, auf länger. Er frägt ob und wann Sie kommen. Ich habe ihm geantwortet daß Sie von Ende Juli sprachen ... Schreiben Sie mir wie es Ihnen geht Dottor carissimo - ich bin noch so unter dem Eindruck von den 2 mir unbekannt gewesenen Elegien und von den Bruchstücken - Wie freue ich mich sie - vielleicht(?) wieder zu hören! Ich schreibe wieder nach Etoy, denke viel an Sie und wünsche Ihnen «la paix divine qui passe tout entendement». Viele viele herzliche Grüße MT
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