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“Serafico! Ich habe ein schlechtes Gewissen…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

127

Data completa:

1918 ago. 31

Descrizione:

Briefwechsel: n. 293

Trascrizione:

Serafico! ich habe ein schlechtes Gewissen! Wie lange schon will ich Ihnen danken für das Geisterbuch - ich habe es sofort verschlungen - einiges hat mir sehr gefallen, einiges ist nicht geisterhaft genug, d. h. ist äußerlich geisterhaft und zu handgreiflich, aber im Ganzen doch sehr gut und spannend - Aber Meyrink weiß viel mehr; hat die Geisterei erlebt - der andere hat sie erdichtet. Was sagen Sie eigentlich dazu? Wenn Sie nicht so faul wären, könnten Sie mir auch wieder einmal ein paar Worte schreiben. Kassner ist hier und ich genieße seine Gegenwart ganz außerordentlich - wir sind viel allein und plauschen stundenlang. Letzthin hat er mir und Alex seine «Einleitung» zu seinem neuen Buch gelesen - und es ist zu schön -Wir waren beide ganz begeistert und erschüttert - Wie merkwürdig ist er doch - wie weit blickt er, von wie hoch, und wie tief. Schade schade daß Sie nicht da sind - das, wiederholen wir fort Kassner und ich jetzt besonders da 9 - Sept. 18 (Montag) Schauen Sie das Datum, Serafico - Sie sehen daß ich an Sie gedacht hatte und que mes bonnes intentions avaient eu du moins le commencement de leur réalisation! Gott weiß was mir dazwischen gefahren ist - und dann war ich wirklich sehr angespannt - und heute erhalte ich Ihren lieben Brief vom 6ten und bin beschämt, schicke Ihnen aber diese Zeilen damit Sie nicht zu «disgusted» sind - Auch kann ich Ihnen gar nicht sagen wie sehr Sie mir fehlen und wie leid es mir war meine Münchner Reise aufgeben zu müssen - Wann werden wir uns denn wieder sehen Serafico! Sie fragen nach unserem Sommer - er war sehr still; die Kinder von Pascha sind wegen Keuchhusten nicht gekommen was mir eine große Entbehrung war. Erich hat gependelt zwischen Prag und Mzell; aber da ist auch einiges was uns weniger freut; die bigoterie in Mzell nimmt, entre nous soit dit, erschreckende Dimensionen, und es ist klar zu sehen daß wir - Alex und ich - als nicht «à la hauteur» betrachtet werden. Momentan ist Pascha hier, für mich immer ein Sonnenstrahl, aber Samstag fahren wir beide nach Wien, und dann um den zwanzigsten in die Schweiz - die Reise freut mich nicht, aber ich möchte die Kinder sehen (denken Sie daß der alte Ligne, der Schwiegervater von Pascha gestorben ist - Marie war dorten, ob sie zurück sein wird, weiß ich nicht.) Ich denke daß wir ungefähr einen Monat ausbleiben - was dann sein wird, mir noch nicht ganz klar. Es scheint daß man die zwei großen Mzeller Mädeln in ein Kloster Institut in Bayern stecken will. Im Prinzip bin ich immer dafür Mädeln zu Hause zu behalten - aber in diesem Falle muß ich sagen daß es besser sein wird als die complette Un-erziehung von zu Haus. Haben Sie etwas von diesem «Zamberg» gehört?? Aber es wird uns beiden sehr nahe gehen die Mädeln nicht mehr hier zu haben. Sie adoriren ihren Großvater, und auch mit mir sind sie rasend herzig. - Die 2 großen Buben gehen nach Wien, Hansl der jüngere (und eigentlich der Gescheidteste der ganzen Bande) soll zu den Schotten (als externer). Alexander ist leider sehr zurück. [. . . . . . . ] Es unterhält mich Serafico daß ich Ihnen gesagt habe die Geistereien von Schaeffer sind nicht «erlebt» - und Sie sagen in Ihrem Brief: Es fehlt überhaupt das Erlebniss - Ja eben Sie richten die beiden (ich meine Josef Montfort und Meyrink) von einem anderen Gesichtspunct - In der «Chemie des Grausens» vom ersteren fehlt für mich das hauptsächlichste Motiv - l‘ingrédient décisif - Das Experiment ist also unvollkommen - eine geistreiche Spielerei mit unbekannten Größen. - Der andere weiß - und ich spüre daß er weiß. Schauen Sie, schreiben Sie mir doch die Gespenster Geschichte von Sophie Öttingen - Ich kenne nicht ihr Haus, aber habe sie sehr gerne. Sagen Sie ihr doch von mir alles Schöne. Kassner ist vorgestern abgereist, es war mir sehr leid, denn schon lange hatte ich nicht so eingehend und angenehm über alles, mit ihm gesprochen. Sein neues Werk wird wundervoll sein. Aber Sie D. S., kränken Sie sich nicht zu viel über Ihre «stehende» Mühle - Der Strom rauscht nächstens wieder, und ich zittere darauf die nachfolgenden Elegien zu hören -Sie wissen daß ich nur die zwei ersten kenne - Indessen bin ich tief in «Raya yoga» drinnen - habe überhaupt eine merkwürdige Zeit hinter mir, und hätte Ihnen einiges zu erzählen - über mich, über Pascha den diese Jahre auch geändert und vertieft haben. Niemand versteht einen so wie Sie - auch Kassner nicht. Alex ist heute nach Wien. Wir haben hier eine großartige Sängerin, noch auf ein paar Tage - Sie sollten sie hören - Alles alles Herzliche von uns allen! Gott gebe daß wir uns wieder einmal in Ruhe alle finden. Ich glaube Lautschin möchte Ihnen wohl thun - MT Die Heliotropbäumchen sind heuer wunderschön - sonst viele Rosen, viele Gladiolen - überhaupt wie immer und obwohl ich keinen eigentlichen Gärtner habe, massenhaft Blumen in den Zimmern. Ich schreibe Ihnen in der Bibliothek wo ich am meisten bin. Vis à vis träumen meine beiden Madonnen, die Umbrische und die Sienesin - Das Wetter schön und kalt, schon Herbst - Die Feldblumen heuer waren unbeschreiblich, die Felder die Wiesen waren wie mit Silber und Goldspitzen überzogen, wie Silberschaum am Meere. Wir haben viele schöne Fahrten gemacht, Kassner und ich, und neue Waldregionen entdeckt -
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