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“Serafico. Heute bin ich hinauf nach S. Giusto gegangen…”

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke
Segnatura: 115
Data completa: 1916 giu. 22
Descrizione: bordata a lutto Briefwechsel: n. 259
Trascrizione: Serafico - heute bin ich hinauf nach S. Giusto gegangen - waren Sie jemals dorten? Es ist eine alte Basilika Zeit und Styl der Kirchen von Ravenna - cinq nefs divisées par des colonnes romanes, und hie und da noch wundervolle Mosaïken mit diesem schmelzenden Goldfond - cet or ruisselant - der alten Zeit. Es waren wenige Menschen in der Kirche, die großen heutigen Ceremonien schon vorüber - aber eine Bäuerin kniete ziemlich weit rückwärts auf den Steinen - Serafico so etwas habe ich noch nie gesehen - Sie war noch jung, ein blasses mageres hartes Gesicht, mit einer feinen gebogenen Nase und einem fest zugemachten Mund - und zugemachte Augen - Und trotz diesen zugemachten Augen ein Ausdruck wie er gar nicht zu beschreiben ist - eine gothische Mater dolorosa, Schmerz und Sehnsucht lebendig modellirt - Wäre nur ein großer Meister da gewesen - Es ist mir das Herz still gestanden wie ich sie gesehen habe. Ce n’etait plus une créature humaine, c’était la douleur vivante - un abîme de soujfrance et de désir - Je ne saurais vous donner une idée de ces méplats rigides, de cette bouche clôse et du regard que l’on sentait agoniser derrière les lourdes paupières - Je suis partie - j‘avais peur qu‘elle n‘ouvrit les yeux - Wie Sie sehen bin ich noch immer hier, Serafico, und Sie glauben nicht wie merkwürdig mir dieses Leben ist - vraiment une trame dont tous les fi1s viennent de lointains incommensurables et inconnus. Ich werde Ihnen viel zu erzählen haben - von den schauerlich schönen Feuerwerken die wir fast jeden Abend erleben mit dumpfem grollendem Baß in Begleitung. Und von den merkwürdigen eisernen schnarrenden Vögeln die fast täglich über die Stadt ziehen - das sind die fürchterlichen Heuschrecken der Apocalypse denen Gott die Macht der Skorpione gab .... Sind Sie noch in Rodaun Serafico? Kassner schrieb mir daß Ihr Porträt ausgezeichnet wird - wie gerne möchte ich es sehen - aber wann!! ich habe keine Projecte, bleibe ruhig vorderhand hier wo ich Pascha viel sehen kann - (er hat mir zwar letzthin einen Flug gemacht der ganz was besonders gewesen sein soll - ganz niedrig über die italienischen Stellungen - wurden auch beschossen). Von Erich habe ich Gott sei Dank und unberufen gute Nachrichten vom 19ten - Wie geht es Ihnen? hat Ihnen die Landluft wohl gethan? Grüßen Sie mir herzlich die Ménage Hofmannsthal und lassen Sie wieder etwas von sich hören; auch viele Grüße an Frau Alberti wenn sie noch da ist, und Ihnen alles Herzliche. MT
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