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“Also hier bin ich, Serafico…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

114

Data completa:

1916 mag. 23

Descrizione:

bordata a lutto Briefwechsel: n. 257

Trascrizione:

Also hier bin ich, Serafico, und es ist ein merkwürdiges Gefühl - so ganz nahe von der Front - eigentlich vor der Front - denn unsere Befestigungen liegen hinter uns - Als ich ankam vorgestern abends und mit Pascha durch die dunkeln Gassen herfuhr, war es ganz eigens auf einmal in den hellbeleuchteten Hall des Hôtels zu treten - der ganze Raum voller «Feldgrauen» in heiterster Stimmung - ein paar lichte Kleider dazwischen, und Musik, Musik .... ein gutes kleines Orchester mit melancholischen Weisen die heiter gehört wurden, und lustigen Melodien mit einem traurigen Untergrund. Es war eben Sonntag und da kommen sie in Scharen, die Feldgrauen, von den Höhlen und Bergen des Karst - und tanzen und singen und lachen bis zum Morgen - dann gehen sie zurück, woher sie gekommen und von wo ohne Unterlaß ein dumpfes Dröhnen herüber hallt. Oben, auf meinem Balcon, mit Aussicht aufs Meer, beobachteten wir bis tief in die Nacht die unheimlichen Lichter, welche momentan aufflackern, drüben am Horizont - Duino schimmert auch, etwas gespenstig dorten drüben. - Heute ist die ganze Stadt beflaggt, mein Zimmer voller Rosen, und die Luft so lau und angenehm - Ich bin sehr gut installirt, sehr froh hier zu sein - trotz der steifen lärmenden Vögeln, welche hie und da am Himmel ziehen - gestern früh gerade über unsere Köpfe - Freund? - Feind? - dieses Mal Freund - Eigentlich macht es mir nicht den geringsten Eindruck. Ich habe gestern bei Pascha soupirt, mit Niniche. - Lauter Möbeln und Bilder aus Duino - alle so merkwürdig verloren und «out of place» in dieser kleinen Stadtwohnung. Der große rothe sammtene Fauteuil aus der Bibliothek sah direct beleidigt aus - und ich hatte kaum den Muth mich darauf zu setzen. Auch Niniche war wie ein Anachronismus - und dann wieder schien sie mir das einzig wirklich wahre, weil immer dagewesene Wesen - und unsere ganze unheimliche verrückte Welt ganz unreell, ganz traumhaft - ein böser Traum - neben dieser kleinen alten lächelnden Frau - Sie hat sich so merkwürdig hineingefunden übrigens - und spricht von Aeroplanen und Shrapnels so ruhig und selbstverständlich wie von den «bigoudis» und den «suivez-moi jeune homme» der sechziger Jahre! 24-5 (Mittwoch) Ich bin gestern unterbrochen worden, man war etwas gespannt und wußte nicht ob der Tag ganz ruhig verlaufen würde; es war aber nichts los, und auch geschossen wurde wenig. - Dafür hatte unser Herr Gott den Part übernommen - und es war heute Nacht ein schauerliches Gewitter. - Ich wußte nicht recht im Halbschlaf ob Donner oder Kanonen .... Heute ist es wieder herrlich; warm und kühl zugleich. Ich schreibe Ihnen auf meiner kleinen Terrasse sitzend. Nur sieht das Meer eigens aus, ohne den vielen lustigen Segeln! Sie hätten gelacht Serafico, während meiner Eisenbahnfahrt, wenn Sie in Steinbrück zugeschaut hätten - Da erschien der gute Gutmansthal, in rasendem Galopp - beladen wie Gaspar Melchior und Balthasar in einer Person - brachte mir Rosen, Zuckerln, Bücher, Zeitungen, Butterbröde - es war rührend und unbeschreiblich komisch. Ich schließe, schicke diese Zeilen in die Victorgasse pour tous les cas, hoffe Sie schreiben mir bald was Sie anstellen und wo Sie sind. Herzlichste Grüße MT
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