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“Ach Serafico, Sie müssen sich auch über mich ärgern…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

116

Data completa:

1916 set. 19

Descrizione:

Briefwechsel: n. 261

Trascrizione:

Ach Serafico, Sie müssen sich auch über mich ärgern und mein langes Schweigen - denn fast ein Monat ist es daß ich Ihnen für Ihre lieben Zeilen danken will - Also geschwind zuerst alle Fragen beantwortet: Ja, Pascha war hier, mit seinen lieben Kleinen, fast drei Wochen - wie schnell ist das geflogen! - Sie können sich denken wie er sich gefreut hat der sie zwei Jahre nicht gesehen hatte. Die Kinder hängen auch riesig an ihm besonders der kleine stille sanfte Raymond - Es war mir sehr eigens wie dieser kleine neunjährige Knabe, bei der Abreise von Pascha genau das that was ich gethan habe und thun würde, nämlich im kleinen Haus, abseits von allen anderen, Abschied genommen - seine Gefühle wird er für sich behalten der kleine Träumer, und die Menge scheuen. Jetzt ist Pascha wieder in Triest, ich habe heute einen Brief von ihm bekommen - Die Kinder hier bis ende October aber sonst außer Frl Hoffmeister (dieses nette bayrische Fräulein von dem ich Ihnen glaube ich erzählt habe) und Herrn Finsterer, niemand. Alex ist in Ungarn - und Gabriele ist in Südtirol auf Besuch bei Erich. Gott beschütze sie mir beide! - Kassner war hier, gerade als Pascha hier war, und fuhr nach acht Tagen mit ihm weg - er war sehr merkwürdig, sprach, glaube ich, viel mit Pascha - aber ich konnte ihn nicht sehr genießen, weil meine Schwägerin Caroline hier war, und die ganze Zeit Vorträge hielt - über ihre für den Winter eingelegten Eiern, über die Linzer Fuhrwerke, über ihre Cousinen Montfort etc. Dabei war sie ungeheuer wohlwollend herablassend für Kassner und fühlte sich ganz als Heiliger Geist in Gestalt der Feuerzunge. Ich habe von Kassner nichts bestimmtes über sein Werk gehört, er soll es wieder «aus der Form brechen» und überschreiben - Manchmal denke ich mir daß es fast schade ist, und möchte den ersten Entwurf (im Wald entstanden) sehen - finden Sie nicht? K(assner) wird immer unpersönlicher, immer weniger Mensch, und mehr «All» -seine höchste Tugend, und doch auch sein Fehler - Aber natürlich muß das Licht seinen Schatten haben. Jedenfalls ist es ganz merkwürdig wie das zunimmt. Er spricht schon von sich (wenn das je geschieht) wie von einem sehr fernen Verwandten - Und das steckt an - ich scheue mich schon gar nicht mehr von seinem Gebrechen zu sprechen (wenn es zufälliger Weise nöthig ist) das geht ihn ja gar nichts mehr an. Er hat einen weiten Weg gemacht seit dieser ersten sonderbaren kurzen Novelle in irgend einer Jugendzeitschrift - wo die heimliche Wunde noch so brannte - erinnern Sie sich? Gelesen habe ich nicht viel; höchstens hie und da altes wieder gelesen - es war übrigens etwas wovon ich Ihnen sprechen wollte - aber ich kann mir es nicht mehr erinnern - das ist bezeichnend, es fließt nur alles vorüber vorbei - Ja noch ein Kapitel der souvenirs ist entstanden, Mathilde Coronini, Sagrado - Möchte es Ihnen gerne zeigen. Es wäre nicht unmöglich daß wir Gäste bekommen und zwar eine reizende kleine Frau, Bnin Spaun Frau eines ganz jungen sehr netten Marineoffizier - sie hat müssen weg, und Pascha bat mich sie her einzuladen, will mir auch die gute Niniche mit ihrer Petelli schicken, was mir alles sehr recht ist - denn - die Wasserleitung ist ganz caput. - Sie können sich denken wie mich das besorgt macht. D(uino) hat wieder seinen Theil bekommen, und höchstwahrscheinlich bleibt nicht weiteres aus. - und Sie fühlen sich noch immer down in the pit, Serafico? - Aber wie schnell werden Sie wieder up in the clouds sein - Ich war letzthin auf ein paar Tage in Wien, sah Olga, bat sie mir Aline herzuschicken, aber es wird sicher nicht dazu kommen - Aline soll selig sein über Ihren Brief. Von Kokoska weiß ich nur daß er zurück nach Wien ist; er hat mir zweimal geschrieben, ich bekam aber meine Antwort zurück. Alle diese Traummenschen welche durch diesen grausamsten aller wachen Tage ziehen - Wenn Sie was von Kassner wissen, schreiben Sie mir's. Und seien Sie nicht rachesüchtig und lassen Sie was von sich hören! À propos, ich habe den Ring, den mit dem dunklen gelben Brillanten, wissen Sie noch? Und meine Hand kommt mir ein wenig fremd vor - In der Bibliothek hängt die Madonna von Neroccio di Landi - und darunter noch eine kleine - Bode sagte von Antoniazzo Romano - Wie seltsam, nicht? Wie immer seltsamer setzt sich das Kaleidoscop zusammen - Viele viele herzliche Grüße MT
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