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“Serafico carissimo. Ich wollte Ihnen einen langen Brief von Loučen schreiben…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

171

Data completa:

1922 giu. 25

Descrizione:

Briefwechsel: n. 374

Trascrizione:

Serafico carissimo - ich wollte Ihnen einen langen Brief von Loučen schreiben wo ich heute abends sein sollte - aber der Mensch denkt etc - Heute ist hier der Generalstrike ausgebrochen und ich kann nicht fahren, hoffe es aber morgen thun zu können, per Auto bis zur Grenze (Znaim) und dann weiter. Und da flüchte ich mich nach Muzot, und es scheint mir wieder in Ihrem heimlichen Studio zu sitzen, die köstliche Luft zu athmen und zuzuhören. War Kippenberger schon bei Ihnen? Wann werden die Elegien erscheinen, und die Sonette? Ich muß Ihnen immer wieder sagen was diese zwei Tage im Valais für ein Erlebniss für mich waren - mehr als ein Erlebniss, es war über das Leben hinaus - Ich habe viel davon mit Kassner gesprochen den ich wiederholt gesehen habe; gestern abends soupirten wir noch zusammen und plauschten lange. Er kommt mitte Juli nach Lautschin und wird hoffentlich recht lange bleiben.[....] Denken Sie ich habe gestern zufällig ein Buch von Gide gesehen und gekauft «Prétextes» - und bin entzückt über den Anfang. Sie wissen daß ich mich sonst für Gide nicht recht erwärmen konnte - jetzt aber finde ich diese Essays ganz außerordentlich. Bin auch tief drinnen in Proust. Manches ist fabelhaft, von einem unbeschreiblich tiefen psychologischen Erkennen - wie schaal und oberflächlich scheint einem Bourget daneben - freilich ist er grausam und hart, sieht nichts Versöhnendes, scheint überhaupt das Wort Herz nicht zu kennen - denn sogar die Trauer dieses (unbeschreiblich zuwiederen) Jünglings um seine Großmutter ist reine Hystérie - ja alle diese Menschen sind eigentlich gräßlich, ganz besonders gräßlich le clan Verdurin (wer soll es sein nebenbei?). «Le côté de chez Guermantes» ist ganz unsagbar beschrieben - freilich sieht er nur die eine, sozielle Seite, aber die ist, bis auf ein paar Kleinigkeiten, von einer verblüffenden Genauigkeit. Ich habe Louis de Ligne, den alten Turennes, Mélanie Pourtalès; Madeleine de Poix etc reden gehört, sich bewegen gesehen. Aber das Ende von dem allen ist eigentlich, wenigstens vorderhand, ein trauriges Verdict. Ich erinnere mir übrigens ein Buch von Leon Daudet noch vor dem Krieg, über seine Collegen Litteraten, das wohl entsetzlich war - Man hatte das Gefühl in einen Höllen Breughel gerathen zu sein ..... Sie glauben nicht Serafico, die Freude die ich hatte als ich in Bregenz meine Duineser Bilder wiedersah! nach acht Jahren! Ich nahm 8 Stück mit, konnte leider nicht mehr unterbringen - die 2 kleinen Guardis, eine Burgunderprinzessin von Mabuse, die Madonna von Francesco di Giorgio, Sie wissen die schöne auf Goldgrund mit den Engeln und Heiligen, dann den kleinen Tondo den ich entdeckte in einer hiesigen Auction, und wo unter der Ölmalerei eine reizende Tempera versteckt war, einen ernsten venezianischen Senator (gute venezianische Schule, Glück der hier war vorgestern, sagt eher Schule des Tizians, als Schule von Tintoretto wie wir glaubten) das letzte Abendmahl von Tiepolo, das ist wirklich ein wunderschönes Bild, und ein Damenporträt von enormer Leuchtkraft, hübsches Gesicht mit großen schwarzen Augen und einer Louis XVI Frisur, gepudert, Locken, Perlen, Schleier - ich halte es für einen Füger. - Denken Sie, letzthin habe ich Maridl und Lori ins Theater genommen - Lohengrin - erstes Mal im Theater für Lori - Sie können sich die Freude und Aufregung denken - wir hatten die Loge von den Schalks was sehr bequem war, die beiden Mädeln transfixed athemlos. Die Köpfe sind wunderhübsch, aber bis sie jetzt nach Lautschin kommen, werden eine jede wenigstens 10 Kilo abnehmen müssen. Von den lieben Buben in Rolle habe ich auch gehört - einen so rührenden Brief von Raymond daß ich ihn extra aufhebe und Ihnen einmal hoffentlich zeigen werde - Kassner frägt fort ob Sie nach L(autschin) kommen? Titi kommt in der zweiten Hälfte Juli - Lassen Sie mich bald von Ihnen hören, Serafico carissimo, und bitte schicken Sie mir bald die Elegien - ich zittere darauf! Alles alles Liebe MT (Lautschin, 28.6.1922, Mittwoch) Und wie stolz und glücklich bin ich auf die Aufschrift!
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