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“Serafico carissimo. Ich kann den Weihnachtstag nicht besser anfangen…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

177

Data completa:

1922 dic. 25

Descrizione:

Briefwechsel: n. 383

Trascrizione:

Serafico carissimo - ich kann den Weihnachtstag nicht besser anfangen, als indem ich Ihnen schreibe - Waren Sie in der Mitternachtsmesse? das müßte in der wunderbaren Gegend ganz besonders stimmungsvoll gewesen sein - Wir sind ganz allein Alex und ich. Ich habe, ihm eine silberne Schale verehrt wo einst Weihrauch aufgehoben wurde, er gab mir eine schöne Miniatur das Porträt einer reizenden längst verstorbenen Erzherzogin; Dinge der Vergangenheit ... Aber - die längste Nacht, der kürzeste Tag sind schon vorüber, und ich halte es mit den Chinesen und warte auf den Frühling - heute ist es auch ganz warm und der Himmel scheint aus bläulichem Silber - Übermorgen erwarten wir Gabriele welche uns Hansl bringt - dieser sehr herzige sehr intelligente Bub war bis jetzt in Kalksburg wo er fast verhungerte. Wir haben es durchgesetzt daß er herausgenommen wurde und er wird jetzt hier bei uns erzogen. Eine große Freude für uns beide. - Die sämmtlichen Andern sind in Wien. Von Pascha Gott sei Dank und unberufen excellente Nachrichten. Gestern ein Telegramm aus Los Angeles. Denken Sie daß ich jetzt den Don Quichotte wiederlese - und mit unendlicher Freude - auch eine merkwürdige Brochüre von Tischner über Occultismus - Vor vielen Jahren hatte ich gehört vom «Intelligenzglobus» der uns umgeben soll wie die Indier glauben. Das frappirte mich sehr - und nach diesen seltsamen Aufzeichnungen während des Krieges, war ich immer mehr geneigt ein solches «reservoir» anzunehmen - mit dem wir momentan in Contact kommen - und dieser Gedanke scheint jetzt von einigen erfaßt zu werden - Tischner spricht auch davon - Wir leben in einer merkwürdigen Zeit - und wenn auch vieles uns Theuere vernichtet ist, wenn auch die schmerzlichsten Stunden durchkostet wurden - so habe ich doch das Gefühl des Fortschreitens in einer immer wunder-reicheren Welt. Und die Stimmen welche die Wunder künden, werden auch immer lauter - Ihre Stimme, Serafico – Kassner‘s Stimme - Ich hoffe für Sie, (da ich weiß wie gerne Sie in Muzot hausen) daß sich alle Unannehmlichkeiten die Sie mir andeuteten, verflüchtigt haben. Sie könnten dann wieder einen ruhigen Winter genießen - ich denke bis mitte Jänner hier zu bleiben, dann Wien - dann so Gott will Italien und die Schweiz - Wie würde ich mich freuen Sie zu sehen und mit Ihnen eine Zeitlang sein zu können - Dieses wünsche ich mir für 1923 - Ihnen, Serafico carissimo alles Gute und Liebe! MT Habe letzthin einen seltsamen Brief von Kassner erhalten [ ... ] - er hat etwas Neues geschrieben mit diesem merkwürdigen Titel - «Das Gottmenschenthum und der Einzelne» - dabei «ist er auf etwas anderes gerathen» - außerdem sagt er sich immer mehr nach vollkommener Einsamkeit zu sehnen - aber, fügt er hinzu «die Zeit dazu ist noch nicht gekommen»! Mein Gott, ich sehe ihn schon auf der höchsten Spitze eines Berges in Thibet!
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