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“Serafico carissimo. Ich gestehe…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1920 gen. 12

Descrizione:

Briefwechsel: n. 302

Trascrizione:

Serafico carissimo - Ich gestehe daß wenn dieses neue Jahr mir keine Nachricht von Ihnen gebracht hätte, ich meine zwei 19, die ich so gerne habe und die in meinem Leben eine merkwürdige Rolle immer gespielt haben, noch mehr regrettirt hätte! Aber Sie haben geschrieben und ich danke Ihnen herzlichst für Ihren Brief! Und viele viele gute Wünsche - ohne sie zu präzisiren denn ich bin weise geworden (mieux vaut tard que jamais) und wünsche mir nie mehr etwas bestimmtes - Das Gute wird zum Bösen, das Böse zum Guten - Was soll ich Ihnen von uns allen sagen? Wir sind hier Alex und ich, leben sehr ruhig, nicht unangenehm. Alex fliegt zwar viel herum, hat enorm viel zu thun; ist enorm populär - die ärgsten Rabulisten kommen zu ihm um seinen Rath und machen ihm Liebeserklärungen («pourvu que cela doure» hat Mad. Mère gesagt.) Ich arbeite in der Bibliothek, habe ganz allein den Katalogue gemacht - und genieße viel wunderbare Musik - denn wir haben einen ganz fabelhaften Künstler bei uns - er ist zwar jetzt momentan auf einer Concerttournée aber er kommt bald wieder - Den sollten Sie kennen Serafico, ich weiß nebenbei, auch als Mensch wäre er Ihnen sympathisch. - Die Erichs sitzen in Mzell - die 2 großen Mädeln sind in Zangberg ein bayrisches Institut - der eine Bub Hansi in Kalksburg, Alexander folgt ihm bald. - Die nächstfolgenden fünfe - Therese, Rudolf, Franz, Josefa und Wilhelm sind mir eigentlich nur mehr Insecten. Ich habe keinen Platz mehr. Pascha ist in Holland; ich bin drei Monate bei ihm gewesen und habe es sehr genossen - Seine entzückenden Buben und das herzige aber weniger entzückende Mäderl waren den Sommer bei ihm und ich habe sie noch den September gehabt. - Denken Sie sich daß Pascha sich, wie es scheint, ganz der Malerei widmet - darüber hätte ich Ihnen viel zu erzählen! Und Sie, lieber Serafico, sind wieder der Wandervogel der nirgends ruht! Wie interessant müssen Ihre Vorträge gewesen sein - Ich habe davon in Holland gehört. Jetzt stecke ich tief in diesem wunderbaren aber entsetzlich schwierigen Buch von Kassner - die Zahl und das Gesicht -Hofmansthal hat mir seine «Frau ohne Schatten», das Märchen, geschickt - kennen Sie es? Ich habe selbst wieder ein Märchen für meine Enkeln verbrochen - «Die seltsame Geschichte des Sultans der glückseligen Inseln und seiner sieben schönen Tochtern» - und dann habe ich noch eine unerhörte Frechheit gehabt - Soll ich sie Ihnen beichten? Ich glaube doch nicht - wer weiß ob Sie mir die Absolution ertheilen würden - Ich kann heute nicht weiter schreiben - die Feder ist zu infam - alles alles Herzliche und Liebe von uns beiden! MT
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