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“Serafico carissimo. Ich bin so vertrottelt…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

190

Data completa:

1923 nov. 04

Descrizione:

Briefwechsel: n. 405

Trascrizione:

Serafico carissimo - ich bin so vertrottelt daß ich mir nicht erinnern kann ob ich Ihnen für Ihren letzten Brief mit der Copie der Kritik vom Professor gedankt habe oder nicht. Auf alle Fälle thue ich es heute, auch im Namen von Kerschbaumer der noch gar keine erhalten hatte. Es war sehr schade daß Sie ihn nicht gehört haben, und er seinerseits wäre so gerne zu Ihnen gefahren, aber die Zeit fehlte, da er hier erwartet war. Er scheint übrigens recht zufrieden mit seinem hiesigen Aufenthalt (unberufen!) fängt an Schüler zu haben, und hat einige Conzerte in Aussicht. Am 13ten hier einen Beethovenabend, am 26ten in Prag - dann wohl einige Mal mit Orchester oder Kammermusik. Auch in Venedig ist ein Conzert bestimmt. Also geht es hoffentlich weiter - die Kritik war kurz aber excellent. Ich weiß nicht recht wohin ich Ihnen schreiben soll - probire Muzot. Vorderhand bleibe ich noch acht bis zehn Tage hier - auf Commissionen - und Musik. Kassner sehe ich oft; er ist sehr heiter, und besser mit der Gesundheit. Dienstag wollen wir in die Bildergalerie gehen wo ein neuer Velasquez - denken Sie sich! - entdeckt wurde. In einer Ecke bei einer dunklen Stiege der Burg angebracht - die Copie hing in der Galerie, und machte die Verzweiflung aller Kunstgelehrten, weil das scheinbar schlechte Bild absolut documentirt war; jetzt ist das Räthsel gelöst und einer der schönsten Velasquez, niemals restaurirt oder angerührt hängt an seinem Platz. Kassner arbeitet an seinen «Physionomien» hat schon 15 sagt er mir. Was machen Sie - wie steht es mit Eupalinos? Habe ich Ihnen jemals für das Exemplar gedankt?!!! Sophie Öttingen ist hier, hat 3 geflüchtete kleine Ratibor Enkelinnen bei sich. Zu spaßig diese drei Mädeln die sammt und sonders Miniaturen von der Fürstin Pauline sind! Meine Enkelinnen (die 2 großen) sind auch da; ich habe sie gestern zum Photographen geführt; die Köpfe sind wirklich sehr hübsch, aber Lori speziell ist fürchterlich stark - und kein Mensch kümmert sich, damit sie mägerer wird! Alex ist in Lautschin, hütet Hansl, und die 3 ganz Kleinen. Heute hatte ich ein philharmonisches Conzert - Haydn - Mozart - Beethoven - eine wunderbare Dreieinigkeit - gestern in der Oper Parsifal - gut gegeben, aber wir, alte Bayreuthianer, müssen immer lamentiren und Vergleiche machen! - Ja daß ich nicht vergesse - denken Sie daß Pascha jetzt Portraite macht die mir den Athem nehmen - Und was wichtiger ist, auch Kassner ist so davon erschüttert daß er mir letzthin sagte daß er ganz sprachlos darüber ist - große Ölbilder - ein Brustbild von Zina, eines vom Professor, wo der Ausdruck, das Leben des, in ein paar Stunden entstandenen Bildes ganz unheimlich sind. Von einer rasenden Einfachheit, fast Herbheit, streng in der Zeichnung - die Farben leuchten unerhört. Das dritte Bild war ich - damit war er nicht zufrieden, kratzte es ab, war durch meine Grippe unterbrochen worden; aber noch bevor ich herfuhr hatte er ein anderes Bild fertig, ein junger Russe den er als Secretär (der arme, sehr nette Mensch war am Verhungern) bei sich hat. Ich werde trachten Ihnen dieses merkwürdige Bild zu bezeichnen. Der junge Mann ist en face fast, (Brustbild) in seiner einfachen düsteren Khakiuniform, ganz rasirt, mit dunklen Haaren, einem strengen unendlich melancholischen Zug um den Mund - die blauen Augen (fabelhaft lebendig) blicken im Traum vor sich hin - und hinter dieser düsteren einfachen Gestalt - als fond, oben, ein Kreis von leuchtend weißen russischen Kirchen mit ihren goldenen Thürmen und Kuppeln sich von einem hart blauen Himmel mit stylisirten Wolken, abhebend - auf einer Art grün und gelben, postamentartigen Hügel stehend - und von ganz unten, grell rother Mohn wie blutige Wellen emporschlagend - - Können Sie sich das vorstellen? Als Pascha der in Mzell malte mir davon enählte wurde mir kalt da ich mir absolut nicht denken konnte daß so etwas möglich wäre - Aber wie ich es sah - war ich so ergriffen daß ich fort daran denken muß - Ich finde das Bild ein Meisterwerk - aber ich fürchte mich weil ich als Mutter vielleicht voreingenommen bin - aber ich glaube doch nicht - ich habe oft genug Sachen von Pascha getadelt - Wenn er eine Photographie von dem Bild hat - (für mich ist es die ganze Tragödie der russischen Flüchtlinge) - schicke ich sie Ihnen - Pascha malt den ganzen Tag - mit einer unbeschreiblichen Passion und Freude - Serafico carissimo, wie glücklich wäre ich wenn dieser Traum, für ihn dem das Leben so viel Träume zerstört hat, sich verwirklichen würde! Ich weiß Sie werden mich verstehen und mit mir fühlen! Alles alles Herzliche MT.
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