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“Meine theuere Fürstin, ich komme soeben von der Fürstin Bibesco…”

Sottoserie:

Lettere di Rainer Maria Rilke a Marie Thurn und Taxis

Data:

23-01-1925

Data completa:

1925 gen. 23

Descrizione:

Briefwechsel: n. 421

Trascrizione:

Meine theuere Fürstin, ich komme soeben von der Fürstin Bibesco, Marthe Bibesco, die mich mit vollkommener Anmuth und Güte aufgenommen hat: lassen Sie mich diese Nachricht zum Vorwand nehmen, ein Schweigen zu brechen, das mich längst drückt und das zu den längsten Schweigsamkeiten gehört, die es je zwischen uns gegeben hat: Unterbrechung war es, das wissen Sie, keine für mich, - ich habe so viel an Sie gedacht wie je, vielleicht noch mehr, da dieser Gedanken mir zu den bestärkenden und tröstenden gehörte in einer Zeit, da Bestärkung und Trost mir oft recht nöthig waren. Es ging mir gesundheitlich nicht gut -, diese Erkrankung des Sympathikus, verabredet gleichsam mit anderen Übelständen und Hemmnissen hat mir viel Beschwerlichkeiten und Verstimmungen bereitet, seit den guten Tagen in Ragaz. Mitte Oktober brach ich trotzdem von Muzot auf und konnte mich auf dem Wege nach Paris glauben ... , aber mein anhänglicher Malaise zog mich wie ein Gewicht aus meinem Elan zurück, und als es nach allerhand Übergängen schließlich zu einer Art Ankunft kam, da fand ich mich - rathen Sie wo? - wieder im Sanatorium zu ValMont (überhalb Montreux), demselben, wo ich, durch eine eigenthümliche Geschmacklosigkeit des Schicksals, schon das Jahr 1924 begonnen hatte: auch dieses, inzwischen um drei Wochen fortgeschrittene, sollte ich dort anfangen! Ich war nicht fähig zu schreiben: nicht so sehr aus der eigenen Verdrießlichkeit heraus, sondern weil es so überflüssig ist, den Freunden in Briefen ein gegenwärtig Schlechtes mitzutheilen und Betrübnis auszugeben, wo man immer mit lauter Gleichmuth und Bereitschaft sich einstellen möchte. Kurz, ich schwieg alle die vielen ValMont-Wochen, die an meinem Zustand so wenig geändert haben, daß ich mich vor vierzehn Tagen kurz entschloß, die Aufmerksamkeit, die meinem Unbehagen nur zustatten zu kommen schien, mit einem Ruck von ihm abzuwenden, um sie anders zu gebrauchen: dazu giebt mir seither Paris die vielfältigste und anregendste Gelegenheit. Als Autor französischer Verse (!) (... was Sie von solchen Versuchen in Ragaz durchgeblättert haben, war nur eine Vorübung für Besseres und Verantworteteres ...), davon einige sogar in Valery‘s neuer Revue eben zum Abdruck gekommen sind (: das Heft folgt nächster Tage) -, fühle ich mich hier nun noch eigenthümlicher einbezogen, als früher, obwohl Paris (das läßt sich nicht leugnen) auf dem Wege ist, sich recht fühlbar zu verändern. Nur dies, liebe Fürstin. Der erste, den ich hier traf, war Carl Burckhardt: ihm verdank ich‘s zu wissen, daß Sie eben von Rom gekommen sind, daß der Fürst wirklich die geplanten Löwen jagt ... ; mehr konnte er mir nicht sagen. Thun Sie gnädigst ein Übriges. Ich bin noch den ganzen Feber, voraussichtlich, hier. Sooft mir gute Dinge meines Lebens einfallen, erscheinen sie an Sie angeschlossen in irgend einer Weise. Auch daß Kassner mir sein neues Buch zueignet, rechne ich zu diesen guten Thatsachen. Diese Ehrung, die mir aus seiner Freundschaft stammt, wie oft hat sie mir jetzt wohlgetan. Ihr D. S. P. S. Die Fürstin Bibesco vertraute mir einen kleinen Racine an, der aus der Bibliothek von Lautschin stammt: er liegt vor mir. Aber den will ich Ihnen nun wirklich einmal selber wiederbringen. Serafico.
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