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“Lieber Serafico. Die Trauer ist für eine eben verstorbene Schwägerin…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1918 feb. 05

Descrizione:

bordata a lutto Briefwechsel: n. 281

Trascrizione:

Lieber Serafico (die Trauer ist für eine eben verstorbene Schwägerin, die Wittwe meines armen Bruders Egon, Mutter von Vera Czernin.) - Ich bin vollkommen unschuldig an dem beigelegten Brief - er wurde mir von Wien geschickt mit der inständigen Bitte ihn Ihnen zu senden. Ich thue es also, nachdem ich ihn, wie man mich gebeten hat, durchgelesen habe, und ein paar Mal nach Luft geschnappt. Bitte antworten Sie baldigst. Serafico ich hätte Sie selten im Leben so gebraucht wie jetzt; gerade jetzt wo es unmöglich ist Sie zu haben. Auch Ihnen hätte die Ruhe und Stille hier wohl gethan glaube ich; und beide, wir hätten uns in andere Welten geflüchtet. Einiges Interessante hätte ich Ihnen aus unserem «Schreiben» gezeigt, auch einiges über die jetzigen russischen Zustände, in November 16 geschrieben. Hie und da sind doch merkwürdige Blitze - aber das muß man zusammen lesen und besprechen können. Was Sie über Meyrink‘s Roman sagen ist ja richtig - es heißt nichts - aber es kommt mir vor als eine xbeliebige ganz gleichgültige Hülle welche die Worte enthält, die ganz tiefen, welche für die Eingeweihten sind. Ich möchte den Menschen gerne sehen und mit ihm sprechen; wenn er nur nicht da etwas mehr vorstellen will - (was eine große Versuchung sein muß.) Pascha war drei Tage hier - er hat fast 2 Wochen in Wien dienstlich zu thun gehabt, so blieb ihm wenig Zeit für mich, aber dieses Bißl war eine Wohlthat. Er thut sich merkwürdig entwickeln - auch er ist auf einer Stufe zu der ich viel länger gebraucht habe. Vieles hätte ich Ihnen da zu sagen, und wie könnten wir plauschen die langen Abende beim Kaminfeuer; ich glaube sogar die Electricität die sehr discret ist möchte Sie nicht geniren. Und dann habe ich beide Mädeln momentan hier weil ich sonst ganz allein wäre, da Alex noch immer in Wien sein muß. Sie möchten sich wundern Serafico über diese zwei großen Damen, Marie größer wie ich, mit langen schlanken Gliedern, und auf einem sehr langen runden Hals einen entzückenden kleinen braunen Kopf - Ihre dunklen merkwürdig geschlitzten Augen, gar nicht mongolisch - egyptisch eher - können einen ganz eigenthümlichen Ausdruck haben, sie ist sehr graziös in jeder Bewegung - une petite Infante de Conte de fèes - Lori ist gar nicht geheimnissvoll aber ein blendender Frühlingstag - weiß wie Schnee, rosenfarb wie das Herz einer Rose, mit röthlich goldenen Haaren die ihr oft in die hellen glänzend blauen Augen hängen - kleiner wie Maridl, sehr entwickelt, man möchte ihr wenigstens 16 Jahre geben - Alles an ihr frisch, hell, gesund - dazu auffallend schöne Züge, besonders im Profil wie eine Gemme. Ich bin selig sie zu haben - die gouvernante nimmt man mit in den Kauf - ein älteres Fräulein voller gutem Willen, athemlos über diese zwei Wildlinge (denn das sind sie in sehr vielem) - et comme généralement les gouvernantes sans le moindre doigté. Ich muß sagen es ist manchmal impatientant zuzuschauen da ich beide Mädeln mit dem kleinen Finger führe und das Gefühl habe sie werden sehr ungeschickt behandelt. - Lori hat Violine angefangen, ich glaube nur um ihren über alles geliebten Großpapa nachzumachen - Ja à propos wenn Sie wollen ist es sehr leicht Sie mit den Öttingens bekannt zu machen, aber ich weiß nicht recht si cela bichera - Julie hat zwar Anwandlungen von Kunstsinn sagt Jellele - aber viel mehr weiß ich nicht darüber; sie ist übrigens eine sehr aimable Frau, etwas trocken glaube ich und sehr auf Elegance. Er war sehr lustig und angenehm in früheren Zeiten wo er mit Pascha sehr liirt war, jetzt habe ich ihn ganz aus den Augen verloren - höre nur daß er fürchterlich geizig sein soll. Marie v. Bunsen hätte ich so gerne kennen gelernt - ich habe ihr Buch über Norddeutschland so genossen - ist sie noch in München? Ich bin jetzt wieder so ziemlich am Fleck - unberufen - nur noch immer nicht recht bei Kräften. - Ich habe wieder jetzt vieles, alles, im gewissen kleinen blauen Buch von Ihnen durchgelesen - und viel an unsere Zeiten im armen Duino gedacht. - Wie weit ist das alles ..... Was macht Kassner? Hat er Ihnen etwas von seiner jetzigen Arbeit verrathen? Vera Czernin hat sich für morgen abends angesagt; die arme Kleine wird recht hergenommen sein, obwohl sie mit ihrer Mutter nicht sehr harmonirte. Carola ist weg; aufrichtig gesagt eine Erleichterung. Serafico, heute abends bin ich «des Grames Beute» wie Fritz sagt - er der arme Kerl ist es auch. Ich habe ihn «Jobérémie» getauft. - Denken Sie er ist bald 3 Jahre weg von seiner Casetta - und ich 4 Jahre nicht mehr in Venedig. Ich träume manchmal von den Canälen, von den Callette - Ich schließe denn ich werde elegisch und langweilig, Aretin soll mir eine Behausung in irgend einem Stern mit ultravioletten Strahlen verschaffen. Lassen Sie bald wieder etwas von Ihnen hören D. S. Sagen Sie mir bitte gleich ob ich Julie Öttingen schreiben soll - aber wie gesagt je ne crois pas trop que vous les trouveriez agreables - Falls Sie diesen Prolog annehmen (zu schreiben) und nach Wien kämen (in diesem Falle ließe es sich glaube ich sicher arrangiren daß Sie nichts unangenehmes zu fürchten hätten -) wer weiß ob Sie da nicht eine Möglichkeit hätten herzukommen? - Übrigens unsere kleine Kaiserin möchte Sie entzücken. Alles alles Herzliche MT
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