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“Ja Dottor Serafico, Sie haben ganz recht…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

108

Data completa:

1915 nov. 28

Descrizione:

Briefwechsel: n. 231

Trascrizione:

Ja Dottor Serafico, Sie haben ganz recht - der Affe in Christo - aber haben Sie jemals die Augen der Affen angesehen? Wenn ich vor einem Affenkäfig stehe, und die Leute sich kugeln weil die Thierchen gar so komisch sind, ist mir immer zum Heulen; denn ich kann von diesen großen Augen nicht wegschauen die so unendlich verzweifelt sind - ich möchte fast sagen mit einer übermenschlichen Verzweiflung - Das fühle ich auch in Emanuel Quint, und gerade das eckige, harte zu dick aufgetragene zeigt mir die hoffnungslose, immer irrende Sehnsucht. - «Prote­stantisch-redlich» - ja, aber schließlich der ganze Protestantismus kommt mir vor wie ein verzweifelter Versuch zur Rettung aus verzweifelnder Liebe - Die verzweifelnde Liebe hör ich rauschen wie ein unterirdischer Fluß im ganzen Buch - und weil sie eben so verzweifelt ist, leuchtet etwas auf - etwas Geheimnissvolles .... D. S. Sie sagen vielleicht Quatsch - aber ich hatte es so gefühlt. -Was «Er» anbelangt sind wir ganz derselben Ansicht - leider - denn ich habe R. H. Bartsch kennen gelernt und so viel ich sagen kann nach einmaligem Sehen, ist er ein sehr lieber Mensch. - Es war urkomisch - Ich erwartete einen älteren griesgrämigen Menschen mit grau melirtem Vollbart - und herein kam ein kleiner schlanker ganz jung ausschauender Offizier mit einem baby-lächeln und traurigen Augen in einem glattrasirten Kindergesicht. Ich frug ihn ob er ganz sicher wäre nicht sein eigener Sohn zu sein!! - Es ist überhaupt etwas sehr Kindliches in ihm, darum hat er sich auch verstiegen «Er» zu schreiben. Zwei Stunden ist er bei mir gesessen, und die ganze Zeit haben wir von Ihnen gesprochen - denn er adorirt Sie, à la lettre. Ich habe ihm die Elegien vorgelesen (Sie wissen daß ich das sehr selten thue) und wie ich fertig war konnte er gar nicht sprechen und hatte die Augen voller Thränen - O Serafico erinnern Sie sich wie Sie uns die Elegien vorlasen, Kassner und mir, im unteren gewölbten Zimmer in Duino - und nachher, nachdem wir lange ganz still gewesen waren, sagten Sie noch auswendig: «Uraltes Wehn vom Meer ...» Und auf einmal war alles da unter der niedrigen Wölbung, die Nacht und das Meer und der Sturm .... daß man kaum mehr athmen konnte - «Passa la nave mia colma d’oblìo Per aspro mare, a mezzanotte, i1 verno ... » Ces lignes de Petrarque sont les seules dont la puissance évocatrice puisse être comparée a «Uraltes Wehn ...» - et encore «la nave mia» donne une note humaine qui rapetisse un peu - chez vous, c’est l’immensité - la mer, le vent, la nuit, les forces de la nature éternelle - Serafico, Sie GottBegnadeter! War das nicht eine Eingebung des Himmels daß ich Sie D. S. genannt habe? Ganz bestimmt. Daß Sie vor einer neuen Musterung sind, das ist doch zu blöd! Herrgott - ich sehe Sie in Uniform die Gewehrgriffe übend! Nein das ist zu dumm aber es kommt gewiß nicht dazu. -Schreiben Sie uns nur gleich - Es ist zu langweilig daß Sie damit geplagt werden, jetzt wo Sie in guter Verfassung sind! - Ihr Brief hat mich riesig gefreut und ich antworte gleich da ich eine ruhige Stunde habe - d. h. haben sollte, denn ich bin schon zwanzigmal unterbrochen worden. - Ja die Zeit vorher damals - wir Ahnungslosen, der Friede war uns so wenig wie die Kindheit. D. S. erinnern Sie sich als wir nach Capodistria fuhren (Sie waren das erste Mal in Duino) Gabriele und Kassner waren mit - und alle Kirschenbäume blühten und das tiefblaue Meer glitzerte durch die Olivenbäume - und unser Frühstück in der kleinen Trattoria - Sie erzählten von Rußland - das weiß ich ganz genau, bis auf die Worte. Gestern hörte ich von Duino daß vorderhand kein neuer Schaden entstanden ist. Und einen Brief von Pascha habe ich vom 23ten - Sie hatten 12-15 Grad unter Null. - Alex kommt heute abends von Lautschin zurück. Von Kassner höre ich selten - bin selbst faul und antworte nicht - Wissen Sie ob er etwas schreibt? Und Sie, Serafico, Sie - sind es die Elegien?? Alles alles Liebe! Wir denken so oft an Sie! MT Wie jammerschade um Marthe‘s Brief! Werden Sie mir den zweiten schönen copiren?
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