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“Ja Dottor Serafico carissimo, Sie haben recht…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

107

Data completa:

1915 nov. 10

Descrizione:

Briefwechsel: n. 229

Trascrizione:

Ja Dottor Serafico carissimo, Sie haben recht - es ist eine Schande so lange geschwiegen zu haben - obwohl ich unzählige Mal mir vorgenommen hatte Ihnen ordentlich zu schreiben - aber wenn ich nicht irre habe ich es vor einigen Tagen gethan? oder ist es eine Confusion? D . S. ich bin wie ein Mensch der in einem unendlich langen Tunnel gerathen ist - ich sehe nichts - ich taste weiter - und horche - ob nicht der Zug kommt, - ich spähe nach einem schwachen Lichtstrahl von da draußen, wo, ich weiß es, eine so strahlende Sonne lacht .... Also reden wir nicht von mir, ich bin mir langweilig, und außer einem verflixten Rheumatismus in der Schulter fehlt mir vorderhand nichts - ach ja so vieles fehlt mir, aber anderes. - Heute habe ich einen Brief von Pascha vom 8ten, also das ist gut-obwohl seine nächsten Projecte über die ich Ihnen später schreiben werde, mir den Athem rauben - Vorderhand ist er, Gott sei Dank und unberufen, wohl, immer unten an der italienischen Front - Erich hat momentan einen Urlaub, ist bei den Seinen. Ich war acht Tage in Lautschin - das Wetter war prachtvoll und ich bin so viel als möglich im Wald gewesen, der so still und friedlich und erhaben weiter träumte. Habe oft an Sie gedacht D. S. und komme mir ganz verwaist vor - denn Sie sieht man nicht mehr, und Kassner kommt nicht, und geht mir schrecklich ab - Ich glaube daß ich geistig am verhungern bin, und gerade jetzt ist das schwer zu tragen. Um nicht ganz zu verdorren, und da ich mein Atelier nicht mehr haben kann (auch bitter!) habe ich erfunden vormittags auf ungefähr 2 Stunden in die Hofbibliothek zu fahren und mir dorten die herrlichen gemalten Manuskripte anzusehen - I codici Estensi - die dem armen Erzherzog gehörten - (vorderhand). Ich sitze in einem hellen stillen Raum wo an allen Tischen imposante gelehrt aussehende Menschen sitzen - um einem herum nur Bücher - es wird nur flüsternd gesprochen, und ein freundlicher Doctor stellt vor mir eine herrliche Bibel - jede Seite ein Wunderwerk. Und ich drehe die Seiten die wie mit Edelsteinen besät sind langsam um, und gebe sehr acht daß das Pergament nicht kracht denn ich habe schon gemerkt daß mein Nachbar, ein hageres Männlein mit rother Nase, sehr nervos ist und bei dem geringsten Lärm wüthend herumschaut - Wie friedlich ist es dorten D. S. wie könnte man auf allen Jammer und alles Elend vergessen - und an den einsamen verträumten Mönch denken der sein ganzes Leben wahrscheinlich an dieses eine Kunstwerk gearbeitet hat bis auch er sich niedergelegt hat ­ zum langen Schlaf - denn es hat entschieden eine andere Hand das letzte Drittel gemalt. Ja ich wäre sehr gerne nach München gekommen - aber vorderhand kann ich mich absolut nicht rühren; und doch wie viel hätte ich Ihnen zu erzählen, denn schreiben läßt sich so wenig! Ich habe jetzt ein herrliches Buch gelesen - wenigstens ich finde es herrlich und bin empört daß weder Sie noch Kassner mir davon sagten, Emanuel Quint, der Narr in Christo - und dafür ein anderes Buch «Er» von Bartsch das so schlecht ist daß ich es nicht fertig lesen kann - Warum kann der Mensch nicht bei seinem Wald und seiner Ebene, bei seinem Südwind und seiner Steiermark bleiben - die kennt er wie Niemand - aber an den «Heiland» sollte sich doch nicht ein jeder wagen - Wie gerne wäre ich dabei gewesen als Kassner so schön und lichterloh brannte - ich kenne solche herrliche Stimmungen bei ihm und habe dann immer ein Gefühl von unendlicher Andacht gehabt - denn man fühlt daß der Engel seine Lippen mit der glühenden Kohle berührt hat - K(assner) hat mir von Marthe‘s Brief geschrieben - es muß etwas ganz eigenes in dem merkwürdigen Wesen sein - ich erinnere mir so genau diesen herrlichen zartesten Liebesbrief - wissen Sie noch D. S.? wir fuhren nach Saonara als Sie mir ihn zeigten - Was wird mit Saonara sein und mit der herzigen Pia? Wissen Sie noch das Speiszimmer mit den hängenden weißen Empire-Draperien - Und Petrarca‘s einsames Grab - «ô temps... mais que tout cela est passé» Fast hätte ich vergessen Ihnen von Duino zu sagen - Gott sei Dank und unberufen ist nichts Neues geschehen daß ich Wüßte - seit dem letzten Volltreffer - ich glaube ich hab: Ihnen schon davon geschrieben - oben in den Zimmern über der Bibliothek - Viele Bäume, auch einige von den großen Cipressen sind hin - in meinem unteren Rosengarten - nirgends blühten die Rosen so herrlich wie dorten - sind Soldaten-Gräber. D. S. ich freue mich daß Sie mit Ihrer Wohnung zufrieden sind - vielleicht komme ich Sie doch einmal besuchen, aber das hängt von so vielem ab - Ich war vor kurzem auf ein paar Tage in Neuhaus, das ist eine der größten Burgen Süd-Böhmens, gehörte den «Rosenbergen» diesem mächtigsten Geschlecht - und war eine der «fünf Rosen» welche unter den 5 Söhnen der Rosenberger getheilt wurden - die anderen waren Krumau, Wittingau etc. In diesem Riesenschloß mit seinen vier Höfen, seinem mächtigen «Hungerthurm», seinen später gebauten italienischen Loggien, seinen Hallen, Gängen, Kapellen - haust die «Weiße Frau» - Ihr Bild (en pied, grandeur nature) hing vor meiner Thür, und auch das ihres Gemahls, dem sie auf dem Todtenbette nicht verzeihen wollte - Sie hat mich aber eines Besuches nicht gewürdigt. Jetzt gehört Neuhaus den Czernins - es wird einmal unsere kleine Vera dorten Herrin sein - Aber selten habe ich etwas so imposantes gesehen. Die colossalen Dimensione erinnern an italienische Paläste - ein runder Festsaal mit unendlich schöner edler Kuppel ganz von unten bis oben immer zarter und leichter werdend, mit entzückenden Stucs bekleidet, ist ein Unicum - Aber D. S. Sie haben gejammert daß ich nicht schreibe, und jetzt kriegen Sie eine solche Epistel - ich fliehe beschämt - [ .......... ] Alles alles Herzliche MT
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