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“Ich habe einen ganz einsamen ruhigen Abend…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data:

29-01-1914

Data completa:

1914 gen. 29

Descrizione:

Briefwechsel: n. 183

Trascrizione:

Ich habe einen ganz einsamen ruhigen Abend, Dottor Serafico - einen Abend der mich an andere einsame Abende erinnert - long long ago - wo ich als die Kinder - die drei Buben, - schlafen gegangen waren, mich bis spät in der Nacht in die «Philosophie der Mystik» von Du Prel vertiefte. Und wie damals in der großen Stille glaube ich die Zeit rauschen zu hören. Erinnern Sie sich «die Zeiten rauschen wie Wälder» ... Ich habe das Gedicht von der Fürstin Lichnowsky gelesen - ein merkwürdig herbes hartes Gedicht - man liest es nicht gerne, man erinnert sich es nicht gerne - aber man muß es sich erinnern. Die Frau ist sonderbar - anders als die anderen - sie sollte nicht schreiben, sie sollte alle ihre Träume für ihre Söhne aufsparen. Keine Frau die noch Söhne haben kann sollte schreiben ... Das Buch «Du côtéde chez Swann» habe ich trotz manchem ermüdenden nicht aus den Händen gegeben und wollte Ihnen erst schreiben bis ich es fertig gelesen hatte. Alles in Allem habe ich es sehr sehr genossen, und erwarte mit Ungeduld die [zu] folgenden Theile[n]. Sie haben ganz recht, es hält nicht recht zusammen und der ganze zweite Theil - obwohl so unendlich treffende Beobachtungen darinnen sind - paßt eigentlich nicht in der Sache - denn diese plötzliche Vertiefung in einem anderen Ich, läßt das erste Ich auf einmal weniger wirklich erscheinen. Vielleicht soll es die Folge irgendwie besser hineinbringen - Aber denken Sie sich D. S. wie mir zu Muthe war als ich die Begebenheit mit dem Gutenachtkuß von der Mutter las - denn genau dasselbe ist mir geschehen - eine meiner allerfrühesten Erinnerungen - ich muß noch kaum drei Jahre gewesen sein - einen Abend in Sagrado wollte ich durchaus die Mama haben, und man wollte sie mir nicht rufen weil Leute waren - und da habe ich geweint wie nur ein verzweifeltes Kind weinen kann. Dieser ganze erste Theil ist wirklich herrlich voller wunderbaren Dingen - und diese Dinge sind beim Namen genannt - schämen sich nicht, verkriechen sich nicht. - Nur manchmal denkt man sich: Was bleibt, wenn die letzte Hülle weg ist? Haben Sie gemerkt daß eigentlich niemand lebt in dem Buch. Können Sie sich die Großmutter vorstellen - oder Mr Swann - den schon gar nicht - Eine Ausnahme ist die François - die ist lebendig, die sieht man. Vielleicht kommt es daher daß er sich eben so sehr in die Seelen vertieft - und wir sehen ja nicht die Seelen, wir kennen nicht das innere des Menschen - nur Äußerlichkeiten geben uns ein Bild, geben uns die Empfindung daß ein Anderer lebt - Das soll nicht den Werth des Buches herunter setzen, im Gegentheil. Und diese «terra incognita» ist es eben was uns reizt und mir diese Art Bücher so unendlich bestrickend macht. Auch hat es mich interessirt zu constatiren wie in manchen Puncten die französische Seele von unserer verschieden ist, unendlich verschieden. Sehr schön alles über Musik, über «le clavier incommensurable, encore presqu‘ entièrement inconnu» u. s. w., S. 428. - Ja ich spiele jetzt sehr viel - meistens Beethoven - aber auch hie und da Mozart und Schubert. Sonst nichts. Ein Rondo von Mozart ist wie ein silberhelles Kinderlachen - nur einen Augenblick zieht eine trübe Ahnung vorüber - Aber gleich ist das Lachen das sorglose zärtliche wieder da. - Und Beethoven ist dunkle dunkle glühende Leidenschaft. Bei Schubert ruht man sich eher aus - aber er ist entzückend. Bis ich Sie seh, D. S. werde ich Ihnen vorspielen so viel Sie wollen. Der Vortrag von Kassner war gut besucht, und er schien sehr zufrieden. Ich war es sehr mit dem ersten Theil - als zweites las er, den Doppelgänger - und ich finde daß gerade der zum Vorlesen nicht paßt - Auch, Sie wissen wie er vorliest, manchmal wunderschön und manchmal vergißt er ganz auf sein Auditorium, liest ganz für sich und kein Mensch versteht was. Den nächsten Tag hatte ich den The bei ihm - es war eine hübsche sehr klug ausschauende Frau da, und Max Mell - und fabelhafte gebratene Castanien! Jetzt aber schnell noch unsere Familien recentissime: Alex ist in Wien - kommt in ein paar Tagen; die Erichs sind in Mzell, der kleine Rudolf ist riesig groß und hat eine Riesennase; die beiden Mädeln Marie und Lolli sind in Wien bei den Groß-Eltern Kinsky wo sie «trainirt» werden für Beichte und Communion. Ob sie noch heuer diese Hindernisse nehmen, ungewiß. Carola ist in Indien, sammelt Erinnerungen die sie Ihnen widmen wird. Pascha in Sizilien vorderhand. Die lieben lieben Kleinen von Pascha in Brighton. Jetzt wissen Sie Alles, und ich habe nur mehr Platz für die herzlichsten Grüße. Marie Taxis
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