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“Dottor Serafico carissimo. Ich war in Wien…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

57

Data completa:

1913 gen. 03 ?

Descrizione:

Briefwechsel: n. 139

Trascrizione:

Dottor Serafico carissimo - Ich war in Wien und bin jetzt am Sprung auf ein paar Tage nach Berlin zu fahren / theilweise zu Ihrem Bödeker / von wo ich dann direct nach Wien pour de bon weiter radle oder vielmehr zurück radle - Darum bin ich in großer Hetze und Packereien - wenigstens bilde ich mir's ein, und bin nicht dazu gekommen Ihnen für Ihren lieben Brief aus Ronda zu danken - und jetzt sind Sie womöglich wieder wo anders - Also vor allem wenn auch verspätet tausend gute Wünsche zu Neujahr - Was mich anbelangt, so hoffe ich doch Gott sei Dank und unberufen daß die Insanität eines Krieges nicht Platz greifen wird - diese blöden Serben (ich sage blöd aus Wuth, eigentlich sind sie Jedenfalls gescheidter wie wir es waren - pourquoi au jond est-ce que la parenthèse est toujours la chose vraie, la chose essentielle??) also zurück zu den Serben - sie scheinen nachzugeben; wenn es nur dabei bleibt - wir haben so viele Überraschungen gehabt in der letzten Zeit, daß man kein Vertrauen hat - und auch Rußland (wo wir entre nous soit dit einen sehr netten und sehr schönen aber sehr heftigen und par consequent ungeschickten Botschafter haben) ist mir eher unheimlich. Lassen wir die Politik - ich habe Kassner gesehen und er hat mir seinen «Indischen Gedanken» vorgelesen, nachdem wir. Im Bristol ein sehr lustiges komisches dejeuner gehabt haben, Alex, ich, Kassner und eine «Suffragette» (war eingesperrt bei Zwangsarbeit!!!) eine Miss Ethel Smythe die nebenbei eine wirklich sehr begabte Componistin ist, und außerordentlich gescheidt, temperamentvoll scheußlich garstig und decidirt. Sie hat uns fort über ihre Suffragette-schaft erzählt, hat erklärt, daß sie jeden Tag wenn sie wach wird unserm Herrgott dankt daß sie eine Frau ist, daß sie, wenn sie nach England zurück ginge sofort wieder eine Bombe in ein Theater werfen würde, oder ein Haus anzünden, oder ein(en) Minister am Parapluie aufspießen würde (darum bleibt sie jetzt hübsch in Wien), - hat Alex über die Feigheit der Männer, Dr. K(assner) über ihre Dummheit vorlamentirt - kurz es war zum entrée zahlen - Dabei ist sie wirklich eine exceptionelle, interessante Frau - (nur wie oft Engländerinnen, ganz instinctlos.) Und abends ist Kassner zu mir gekommen und wir haben eine andere Welt betreten - eine Welt von Träumen die reeller sind als Wirklichkeiten und von Wirklichkeiten die sübtiler sind als Träume - eine Welt von Geistern und Chimären, in welcher der «Gerechte» entlarvt wird, und endlich «der Heilige» vor uns steht - Ja aber gibt es diesen Heiligen? ist er nicht eine Fata Morgana-oder sucht K(assner)-dieser merkwürdige Geist - in den tiefsten Tiefen des Menschen etwas das wird oder etwas das zurückblieb - und reißt es zum Licht empor und befiehlt dem Phantom zu leben - Schließlich war es vielleicht Franz von Assisi - und endlich-theilweise -vielleicht er selbst, aber in einer düstereren, härteren Tonart. Das ist wohl der Grund daß er uns mit einem so geheimnißvollen Zauber bannt - und doch etwas in sich hat, das unserer Menschlichkeit fremd und unheimlich bleiben wird - bleiben muß - immer .... Nein Dottor Serafico, Sie sind kein «Heiliger» - und wenn Sie den ganzen Tag und die ganze Nacht auf Ihre Knie (auf Ihre geistigen Knie bien entendu) herum rutschen. Und es ist gut so. - Ein Heiliger hätte niemals die Elegien geschrieben - 8-1. Also jetzt ist schon wieder alles anders. Wir fahren nicht nach Berlin. Ich war recht miserabel vor einigen Tagen, und gehe morgen nach Wien. Alex auch. Von Pia Valm(arana)‘s Unfall haben Sie wohl gehört? - Gott sei Dank und unberufen scheint es nur ganz leichter Natur zu sein - und die Pasteurisirung mehr aus Vorsicht - ich hoffe also sie doch bald in Wien zu haben. - Fritz ist in S. Remo wo Pascha ihm nächstens nachkommt. Wissen Sie zufällig ob Ruth meine kleine weihnachtssendung erhielt? Ja und die Übersetzungen - wie finden Sie sie? Die «Verbesserungen» von Damerini - sind schauerlich, unmöglich - Ich muß schließen - hoffe bald wieder von Ihnen zu hören, und beneide Sie doch in Spanien zu sein. - Habe ich Ihnen ein glückliches Neues Jahr gewünscht?? Ich thue es jetzt mit den allerherzlichsten Grüßen MT
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