passa al contenuto principale

“Serafico carissimo! Wie lange schon will ich Ihnen schreiben…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1924 ago. 10

Descrizione:

Briefwechsel: n. 420

Trascrizione:

Serafico carissimo! Wie lange schon will ich Ihnen schreiben und schreibe Ihnen nicht! Und wohin soll ich adressiren, das ist auch eine complication - ich probire nach Muzot ... Wie ruhig muß es dorten sein! Ich gestehe Ihnen - tout bas - daß mich meine Großmutterschaft manchmal etwas ermüdet - Man kann ein - zwei - drei Enkeln haben aber zwölfe sind entschieden zu viel - Serafico expliziren Sie das, auf alle Fälle, Ihrer Tochter. Siebene kann ich (die ein besonderes Talent dazu habe) noch bewältigen - aber die fünf weiteren, für die habe ich keinen Platz mehr; obwohl Franzl ein reizender Junge ist, Josefrl wunderhübsch und Willy der komischste kleine Schauspieler, der mir jemals untergekommen ist. - Momentan sind 3 Stück auf den Semmering, bei Erich, dem es, Gott sei Dank und unberufen, besser geht. Mein Trost ist Dr Kassner; wir lesen zusammen Shakespeare - Letzthin hat er mir ein wunderbares Porträt aus seiner Physiognomik gelesen - der Spieler - wunderbar und äußerst schwer. Pascha will ihn jetzt malen; seine Bilder sind von einer fast brutalen Kraft und Plastik; ich glaube es könnte sehr gut werden. Ich soll Ihnen von Kassner sagen, daß, wenn Sie später herkommen möchten - ende September, October, kurz bis wir allein und ruhig sind, so würde er, Kassner, jedenfalls wieder dazu herkommen. Es wäre höchstens noch Kerschbaumer da der jetzt in Wien ist, und fest arbeitet für seine Conzerte in Deutschland. Gestern waren wir, ich, Baron De Vaux, Kassner und 3 Enkelinnen, in Raudnitz um uns Schloß und Bibliothek anzusehen. Ein enormer Kasten; trotz ital. Architekten der große innere Hof recht garstig, nüchtern, fast modern. - Die Bibl(iothek) une enfilade de grandes chambres bondées de livres jusqu‘aux plafonds, sehr interessant, mit prachtvollen Werken - In jedem Zimmer befindet sich in einer Ecke ein einzelner, beschämter kleiner Strohsessel - Im letzten Raum lauter Musikalien - und schöne alte Geigen - 3 Jacob Steiner in einem Kasten, auch italienische Geigen, Quarneri, Gasparo da Salò - et toutes ces âmes muettes, enfermées, agonisant au fond des armoires. Il y a de quoi pleurer! - Im ersten Stock ganz altmodisch eigentlich recht geschmacklos eingerichtete Riesenräume. Mit magnifiken monumentalen alten Öfen - massenhaft Porzellan - wunderbare Stücke mit viel weniger Werthvollem gemischt. - Und Bilder in Unmenge - stehende, liegende, sitzende, reitende, kämpfende Lobkowitze - Ahnen von allen Ländern, für uns speziell interessant weil sie, durch die Urgroßmutter Lobkowitz, auch unsere Ahnen sind. Ein Salon voller Spanier - schlanke schwarzgekleidete Granden in ganzer Figur - meistens von Coello gemalt. Ein süperber Breughel und einige wenige gute Holländer. Ich war todmüde als wir auf die grandiose Terrasse hinaus traten, welche zwei Seiten des Schlosses umfaßt. Da ist die Aussicht prachtvoll; die Ebene unendlich weit mit ihren dunklen Wäldern und den glitzernden Bändern der Elbe und der Moldau - Am Horizont bizarr geformte Berge. Sie hätten mit sein sollen Serafico! Schreiben Sie mir bald Ihre Projecte - Gehen Sie nach Paris und wann? Ich rühre mich vorderhand nicht. Viele viele herzliche Grüße MT Ich muß Ihnen noch schnell einen köstlichen Einfall :on Kassner erzählen - Lori kam herein ganz erhitzt, 1hr hübsches weiß und rosenfarbes Gesicht förmlich leuchtend - mit ihren blitzenden Augen und den rothgoldenen Locken welche ihr immer um den Kopf fliegen - O Du kleine Barock-Sonne! rief Kassner aus - Es war zu köstlich und so treffend! À propos, ich vergesse nicht die ital(ienischen) Übersetzungen, sobald ich etwas mehr Ruhe habe, werden sie gemacht.
Torna su