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“Serafico carissimo. Ich bin gerade auf dem Punct nach Winterthur zu fahren…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

182

Data completa:

1923 giu. 01

Descrizione:

bordata a lutto Briefwechsel: n. 395

Trascrizione:

Serafico carissimo - Ich bin gerade auf dem Purret nach - Winterthur zu fahren, je profite d‘un instant um Ihnen sehr herzlich für Ihre lieben Zeilen zu danken. Mein séjour in Sierre war gewiß le point lumineux von meiner ganzen Reise - In Rolle war ein Schandwetter und die Tage die ich dorten zubringe werden immer durch den nahen - immer so schmerzlichen Abschied, verdüstert - Raymond empfindet es so schwer - Es sind so schöne liebe Buben, und der Director kann sie nicht genug loben - aber speziell für das Lernen, Louis - Raymond ist viel langsamer, nur merkwürdigerweise vie1 erwachsener - Die Fahrt von Rolle nach Bern über Freiburg war wunderschön - leider die prachtvolle Tour über Thun-Interlaken-Luzern ganz verregnet! Aber in Bern war ich so enttäuscht - es waren doch im Museum wunderbare Stoffe und Kleider von Carl dem Kühnen? Es waren wohl die Gobelins da - aber Anzüge sah ich gar keine - da merkt man was man sich erinnert! Das Silber haben wir auch gesehen. Überhaupt Bern gefällt mir sehr. Auch Luzern ist reizend und jetzt freue ich mich auf Winterthur. - Ich war heute bei Morisse, habe einiges gekauft - Und denken Sie sich der alte Morisse hat sich entpuppt als ein ehemaliger Hofmeister von einem ex-Domaineninspector von uns - er war ganz erstaunt als ich meine Adresse schrieb. Francis Jammes ist doch nicht ganz erfreulich. Daß er im selben Buch über C(amille) Flammarion und seine occultistischen Studien, nicht verächtlich und mokant genug schreiben kann - und dann von einer Sitzung spricht in welcher «Satan lui-même parut, tout nu et très beau», ist doch zu komisch. Auch ist er mit seiner «gloire» sehr beschäftigt - Mir kommt sie nicht so glänzend vor. Die Lenéru interessirt mich mehr, ich bin noch mitten drinnen. Nur unwillkürlich denke ich an die Phrase von Kassner über «die von einer ganz unmöglichen Unsterblichkeit präoccupirten Journalisten». Überhaupt diese beiden Bücher die ich zu übersetzen versuche, sind mir jetzt so lebendig geworden daß ich jeden Augenblick an sie denken muß, und immer mehr den unendlich hohen Standpunct fühle den K(assner) einnimmt - Ceci dit muß ich aber doch erkennen daß diese unglückliche Frau ein seltenes Wesen war - was den Verstand anbelangt. Denn bis jetzt finde ich keine Spur davon daß sie jemals, irgend jemanden gern gehabt hätte. Vielleicht kommt es noch. - Also wir waren in Winterthur und haben unsere Visite außerordentlich genossen. Ihr Freund ist selten angenehm und sympathisch und die Miniaturen sind entzückend! Außerdem glaube ich für unsere guten Kerschbaumer recht gut gewirkt zu haben: Er hat mir so quasi versprochen ihn für nächste Saison kommen zu lassen, ein Beethovenabend - wäre herrlich - Ich hoffe er vergißt ja nicht auf ihn, aber er kommt mir vor wie ein Mensch auf dem man sich verlassen kann. Morgen früh 7 Uhr wird gestartet (stehen Sie noch immer so früh auf?!) erste Etappe Innsbruck. Serafico carissimo, ich muß schließen - alles Liebe und Herzliche, Maridl miaut auch einen kleinen bescheidenen Gruß -. ist vertieft in den «Ascensions du Mont Rose et du Mont Blanc» (heureusement pas de la Jungfrau, ô mon Dieu!) par ... S.S. notre Saint Père Pie XI! MT
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