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“O Serarfico carissimo! Ich habe ein schlechtes Gewissen…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1924 mag. 14

Descrizione:

Briefwechsel: n. 412

Trascrizione:

O Serafico carissimo! ich habe ein schlechtes Gewissen daß ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe - und ich hätte es sollen, ich sage Ihnen dann warum. Aber nun zu Ihren Fragen: Wie Sie sehen bin ich noch da - und leider leider kann ich nicht Herrn Reinhart in L(autschin) empfangen, da ich am 1ten oder 2ten Juni abdampfen möchte - in die Schweiz! Es ist mir wirklich schrecklich leid ihn zu manquiren - Sie wissen daß er mir sehr sympatisch war und alles was Sie mir von ihm erzählen macht ihn mir noch sympatischer. Nebenbei hätte ich ihm so gerne einiges ihn gewiß interessirende gezeigt. Bitte aber sagen Sie ihm daß ich darauf rechne ihn später gewiß zu haben. Übrigens jetzt wäre es so wie so schwer gewesen, denn man hat entdeckt daß das ganze Dach in Gefahr war und speziell über meinem Schlafzimmer und der Bibliothek - Und da wird alles frisch gemacht und L(autschin) ist in einem schrecklichen Zustande. Außerdem, der Meinige will sich eine Löwenjagd in Afrika spendiren!!! und ist soeben nach London um alles zu arrangiren!!! C‘est beau la jeunesse! Aber jetzt meine Schweizer Reise - ich möchte zuerst nach Rolle zu den lieben Buben - aber dann denken Sie daß ich eine Kur machen muß für meine Rheumatismen - heuer mit dem schrecklichen Wetter sind sie sehr bös gewesen - ich hatte arge Schmerzen in den Händen, und die Facultät einerseits, Dr Kassner andererseits haben erklärt, ich darf absolut nicht mehr ausweichen und ich muß etwas thun. Und man ist auf Ragaz verfallen - was mir recht wäre weil es in der Schweiz wäre und bequem für mich, außerdem soll es wirklich ausgezeichnet sein. Kennen Sie es? Aber da weiß ich nicht recht, da ich nicht gerne zu lange weg von zu Hause wäre, ob ich mit Sierre es verbinden könnte - Serafico würden Sie eventuell zu mir nach Ragaz kommen?? Das wäre dann herrlich- Was hören Sie von Burckhardt? Hofmansthal kommt am 16ten von Sizilien zurück - ich denke daß B(urckhardt) jetzt wohl auch zu Hause sein wird - und ich möchte gerne von ihm erfahren ob er noch auf W. Kerschbaumer rechnet. Auch möchte ich ihn sehr gerne sehen - das ließe sich vielleicht eintheilen - aber meine Autotour in Savojen - auf die ich mich eigentlich gefreut hatte (ich wollte Sie entführen Serafico!) die fallt wohl ins Wasser. Ich beneide Sie um die schöne ruhige Musik zu Ostern - hier hat man wohl auch viel davon, aber Konzerte sind doch lange nicht das Richtige. Das neue·Ballet von Strauß (Schlagobers!!!) war eine arge Enttäuschung! Entsetzlich der Text - von einer Dürftigkeit, einer Phantasielosigkeit die wirklich verblüffend war - da ich den «Meister» sehr gerne habe, war ich wirklich traurig. Und kurz vorher eine so prachtvolle Vorstellung der Salomé mit der Jeritza die ganz fabelhaft sang und spielte - und tanzte! - Momentan bin ich allein. Kerschbaumer ist in Berlin - er ist außerordentlich gewachsen in der letzten Zeit - ich habe jetzt viele sehr gute Pianisten gehört ­ seinen Beethoven spielt ihm keiner nach. - Und weil er kein Jude ist und keiner Clique (an)gehört, hat er so viel Mühe durch zu dringen - Den sollte Reinhart auch protegiren; wenn ich ihn eventuell zu Burckhardt bringe, muß ihn R(einhart) hören. Könnten Sie mir irgend etwas diessbezügliches sagen oder rathen, lieber Serafico - ich wäre Ihnen unendlich dankbar. Aber jetzt muß ich Ihnen sagen warum ich Ihnen schreiben sollte schon vor 8 Tagen ungefähr. Nämlich [...] fürchtet sich Ihnen deutsch zu schreiben. Sie sagt telegraphieren ging noch - aber schreiben wäre eine Catastrophe. Also ich soll Ihnen sagen wie sehr sie gerührt war, und Ihnen dankbar für Ihre Briefe und Ihren Rath, Aber es ist ein großes Hinderniss - Die Dame die Sie anrathen ist wohl eine Freud Schülerin nicht wahr? nämlich Kassner glaubt es - psychoanalitische Schule? Und denken Sie daß man das, bei der armen Kleinen (der es übrigens jetzt etwas besser geht unberufen!) schon probirt hat, und mit den schlechtesten Resultaten - Sie hatte daraufhin die bösesten Wahnvorstellungen, war viel ärger dran als je früher. Ihr Zustand ist leider nicht mit solchen Mitteln zu beheben scheint es - entre nous soit dit zu ernst - Andererseits behauptet der Arzt daß es nicht vom Gehirn abhängt sondern eine Krankheit ist. Wenn wir uns aber täuschen und die Dame andere Mittel anwendet so würde es immerhin eventuell zu probiren sein. Wie gesagt [...] war tief gerührt und dankbar, aber Sie kennen sie - Keine Schnecke verkriecht sich mehr als sie. Kokoška ist hier! Ganz der alte, nur stärker geworden - hat viel nach Ihnen gefragt. Um die Duse war mir schrecklich leid - und ich habe viel an Sie gedacht - Aber jetzt muß ich schließen, je tombe de sommeil - mille et mille souvenirs affectueux - Comme j‘aurais voulu être une souris sous le canapé et vous écouter avec Valery! MT
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