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“O Serafico Serafico Serafico!!! Ich habe das Gefühl…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

53

Data completa:

1912 nov. 05

Descrizione:

Briefwechsel: n. 131

Trascrizione:

O Serafico Serafico Serafico!!! Ich habe das Gefühl von einem Menschen der zum ersten Mal im Aeroplan fliegt - und nur weiß daß er keine Ahnung hat wie man es führt - der nur das Entzücken des Fluges fühlt und jeden Moment auf der Nasen liegen kann - der nicht einmal ganz sicher weiß ob er fliegt oder ob er sich 's einbildet - denn .... ich habe gestern abends die erste Elegie fertig übersetzt - und sofort mit Wonne die zweite - den wunderbaren Engelsang - begonnen - Es ist wahrscheinlich ein Stiefel - aber eines weiß ich, so spüren wie ich wird es kaum mehr jemand. Natürlich ist auch bei der ersten noch viel viel zu feilen und wahrscheinlich wird es nur ein wohlgemeinter Versuch bleiben - aber ich will doch bis zu Ende der zweiten - obwohl in dem weiteren Text fast unüberwindliche Schwierigkeiten enthalten sind. Ich wollte sie Ihnen gleich schicken - die erste - aber ich weiß nicht recht ob ich es thun soll da der rythmus im Vorlesen erst, einem nicht-italiener, klar werden kann. Ich glaube ich werde eine Zeichnung von uns machen - Sie Dottor Serafico, als Adler (aber mit dem berühmten lorgnon) gegen die Sonne fliegend (sehen Sie sich?) und ich auf einem Aeroplan (aber mit Stelzen) nachstrebend - Die ganze Familie mir entsetzt im Galopp nach rennend; last not least alle babies, die Greenham, der Carlo und der Hund. Es wäre köstlich. Ich mache Witze und eigentlich bin ich „des Grames Beute“ - wie schwarz sieht es im Balkan aus - wie unheimlich die Zukunft - und Constantinopel der letzte Traum vom Islam - nächstens in den Händen dieser Banden - Von diesen vier Balkan Königen sind dreie fertige Hallunken - der vierte ein geldgieriger Schwächling - und für die scheint Jehovah zu kämpfen - Serafico die Moscheen von Stamboul! Ich habe heute Ihren Brief erhalten, war so froh von Ihnen zu hören - eigentlich dachte ich Sie wären noch in München! und hatte auf alle Fälle einen Brief für Sie Ihrer Frau geschickt, mit der Bitte ihn weiter zu befördern; haben Sie ihn erhalten. Um dieses Geschreibsel zu schicken warte ich auf die versprochene Adresse. Bayonne ist keine sehr entzückende Stadt - aber nicht weit davon ist ein hoher Hügel irgendwo / wo Engländer, in den Kämpfen gegen Napoleon gefallen, begraben sind. / Von dorten hat man den unbeschreiblichsten Anblick. Von einer Seite die hellgrün schimmernde freundliche französische Ebene - dann die dunkeln - violett purpur, indigo blau - trotzigen Berge von Spanien - und dann die zwei Flüsse die so selig zusammenkommen und vereint zum Meer stürmen - Das machte mir damals einen unauslöschlichen Eindruck - Von Bayonne selbst erinnere ich mir eine kleine Gasse im tiefen Schatten - wo man immer Chocolade trank bei einem besondern Patissier - am Ende der dunkeln Gasse einen Durchblick auf die ganz in der Sonne leuchtende wie mit flüssigem Gold überschüttete Kathedrale. Sonst weiß ich nichts - ich habe nur immer einzelne Bilder - manchmal nur Bruchstücke von Bildern - welche sich in meinem Gedächtnis photographiren - alles übrige wird traumhaft verworren - Und so auch mit Toledo - ich sehe eine silhouette, festungartig auf einer Höhe - alles okergelb - hart, entzündet, schattenlos - und den Bogen der Brücke und der Patio der Cathedrale - und eine steigende steile Gasse - am Eck eines Hauses ein balcon - Et voilà taut - Sie sind wahrscheinlich schon dorten und «die großen fremden Gedanken» ziehen bei Ihnen ein. - Ich habe gestern abends die erste Elegie stundenlang wieder durchstudiert - Hätte ich nur irgend einen maßgebenden Italiener um seine Meinung zu hören. Placci ist mir nicht maßgebend- und was Damerini dem Pascha über meine Übersetzung sagte, hat mich wieder etwas beruhigt, aber genügt mir auch nicht. Ich lese jetzt fort Petrarca und mit immer wachsendem Entzücken - wir müssen ihn auch einmal zusammen lesen, Serafico wie damals die Vita nuova - / die Villa nuova, sagt Pauline Metternich welche ihr Neffe disrespectirlich Mauline Petternich nennt - / 7-11-12 (Donnerstag) - Und soeben kommt Ihr Brief - aus Toledo - Und merkwürdig fühle ich alles mit - sehe Sie wandern und wandern - durch die Galle del Angel - zur Kirche mit den hängenden Ketten - zur «Sarazenen Brücke» Ah Serafico wie beneide ich Sie wie glücklich sind Sie, Sie Gottbegnadeter! Und ich kann Ihnen gar nicht sagen wie selig ich bin Sie dorten zu wissen. Nur jetzt muß es stille werden um Sie her - Die allerherzlichsten Grüße MT Hier die Copie von unserer Unbekannten und den Brief an Max R(atibor) den Sie jetzt oder ,vann immer schicken können. Kassner ist nächstens in Wien.
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