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“Meine theuere Fürstin, durch ein bedauerlichstes Versehen war Ihr Brief in Muzot…”

Sottoserie:

Lettere di Rainer Maria Rilke a Marie Thurn und Taxis

Segnatura:

14

Data completa:

1925 lug. 07

Descrizione:

Briefwechsel: n. 431

Trascrizione:

Meine theuere Fürstin, durch ein bedauerlichstes Versehen war Ihr Brief in Muzot, mit zwei drei anderen, unter Drucksachen liegen geblieben, die nicht nachgesendet werden: ich habe ihn mit einer Verspätung von mehreren Wochen erhalten! Aber schon vor seinem Eintreffen dachte ich Sie in Ragaz und suchte Sie dort, und fühlte zugleich täglich, immer noch in Paris festgehalten, wie ich Sie dort versäume! Das ist kein angenehmes und tröstliches Gefühl, liebe Fürstin, und es hat seinen Bund geschlossen, hinter meinem Rücken, mit lauter ebensolchen Gefühlen der Beunruhigung und des Versäumens, denen ich hier seit einer Weile fast wehrlos ausgeliefert bin. Ich kann nicht sagen, ob ich so sehr hier festgehalten bin, oder nur so entschlußlos und schwach, daß ich den letzten Ruck nicht leisten kann, noch nicht leisten kann, von dem das Fortgehen abhängt. Wenn es mehr an dieser Unfähigkeit liegen sollte, daß ich noch hier bin, so hat sie ihre letzte und gründlichste Ursache in den halb physischen Übelständen, die mir nun schon seit so lange innerlichst anhaften und mir in den letzten Jahren so viele Tage - auch von denen in Ragaz - herabgesetzt haben. Ich muß (körperlich und seelisch zugleich) durch eine Zone eigenthümlicher Depressionen und staune oft, so hülflos zu sein mit soviel Wissen um die Hülfen; aber vielleicht weiß ich auch gar nicht soviel von ihnen, als von ihrem Äußersten, von jenem letzten Beistand, der sich in einem rettenden Wunder zusammenfaßt. Auf diesen war ich, nach argen Zeiten, immer angewiesen. Aber weshalb erwart ich diesen Eingriff in Paris? Ich gedachte, als spätesten Termin, um den 15. July, kurz vorher oder kurz nach diesem Datum, auf Muzot zu sein. Aber an Ragaz darf ich dann zunächst nicht denken, alles wird, für Monate hin, zusammenwirken, mich in meinen starken Mauern zu halten. Trotzdem, daß ich Sie heuer ganz versäumen soll, liebe Fürstin, scheint mir absurd und völlig wider die Natur. Sagen Sie dem Fürsten, wenn er kommt (wahrscheinlich ist er nun schon bei Ihnen) alles, alles Liebe. Wie oft wollte ich Ihnen schreiben über das Familien-Bild, aus Ihrem vorletzten Brief: wie eigenthümlich stark und genau kam jeder Einzelne darauf zur Geltung: welche Nähen, welche Distanzen. «Licht-Jahre», das Maaß der Astronomie, ohne das käme man nicht aus, ginge man an‘s Messen, oder wieder man geriethe in‘s Mikroskopische und Capillare. Alles Getreue und Liebe und täglich: Wünsche für die Kur! Ihr D.S.
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