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“Ich schicke Ihnen noch diese Karte…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

79

Data completa:

1913 dic. 21 ?

Descrizione:

Briefwechsel: n. 179 [b]

Trascrizione:

Ich schicke Ihnen noch diese Karte, lieber Dottor Serafico, damit Sie die Telepathie anerkennen. Ich hatte sie gerade fertig geschrieben als Ihr Brief ankam, und danke Ihnen sehr. Daß Sie mit dem weiteren Theil der II Elegie nicht einverstanden sind wundert mich nicht. Ich hätte Ihnen den ersten Entwurf schicken sollen - und obwohl auch nicht ganz das Richtige, glaube ich daß es Ihnen besser gefallen hätte. Aber der gute P(adre) Ghignoni hat kein Wort verstanden und mich fort versichert daß Niemand ein Wort verstehen würde - da habe ich - à mon corps défendant - getrachtet klarer zu werden für lateinische Ohren - Und es war ein Unsinn - Übrigens die Stelle: «Ich weiß Ihr berührt Euch so selig» etc. ist auf italienisch glaube ich absolut nicht zu geben. Ich lasse jetzt alles liegen. Wenn wir uns einmal sehen, Sie Göttlicher Maulwurf mit der staubigen Nase, werden wir darüber reden können. Sie sehen, hier sitze ich, - leider nicht in Duino zu Weihnachten - und die Erichs sind in Lyssa. Zum Xbaum fahren wir wohl hinüber. Heute ist alles. weiß, ein Wald von Silber und Cristall - und heute ist der kürzeste Tag, und morgen, ja schon morgen fängt es geheimnißvoll an sich gegen die Sohne zu wenden - und der bloße Gedanke daran ist eine leidenschaftliche Wonne - Haben Sie das nicht in sich, Göttlicher Maulwurf, und probiren Sie es nicht so lange zu graben um Platz für einen seligen Purzelbaum zu haben, wenn Sie unter der Erde dem ersten treibenden Keim begegnen? Morgen, wenn ich ausgehe, weiß ich daß ich den Frühling schon riechen werde. - Unsere egyptischen Pläne haben wir ganz aufgeben müssen; Alex hat äußerst complicirte Geschäfte für Gegina in Ordnung zu bringen - er thut es, in seiner großen Güte, obwohl er, weiß Gott, wenig Dank dafür erntet. Darum können wir auch keine Projecte machen vorderhand - wer weiß, vielleicht erscheine ich einmal später in Paris und mache der lieben Gioconda Concurrenz! Natürlich habe ich das Buch von Schrenck-Notzing gelesen - und zwar gestern gerade, bin ich fertig geworden. Es ist das merkwürdigste, entsetzlichste, grauslichste, unwahrscheinlichste was ich je gelesen habe. Momentan scheint es zu blöd und zu augenscheinlich truquirt, und dann wieder cela vous casse bras et jambes - Wir dachten daran Alex und ich nach München zu fahren und S(chrenck-) N(otzing) zu interviewen - Sie haben das Buch gelesen? C‘est dégoûtant à vous donner des nausées - mais si ‚c‘était vrai?? Den letzten Tag in Duino hatte Pascha große Lust zu schreiben - aber leider hatten wir nicht die Planchette - und so habe ich gar nichts von der «Unbekannten» mehr gehört. Und Sie? haben Sie probirt sich en rapport zu setzen? Wissen Sie was ich jetzt thue - und zwar Stundenlang im Tag - ich spiele Beethoven - denken Sie sich - ich die seit 30 Jahren und mehr das Clavier nicht berührte - Es ist wie eine Raserei über mich gekommen - und daß ich diese entsetzlich schweren Sonaten überhaupt nur lesen kann - Alex steht daneben, kopfschüttelnd - übrigens haben wir eine andere Auffassung von Beethoven - für mich ist er ein verheerender, unerbittlicher wunderbarer Orkan - Le dieu, le dieu des Armées - Gitanjali hatte ich bei den Berensons angefangen - Kayserling war ganz verrückt darüber - ich habe an Heller darum geschrieben. Von Kleist kenne ich (ich fühle mich beschämt) nur das Käthchen von Heilbronn - ich hörte es im alten Burgtheater und es machte mir einen unauslöschlichen Eindruck - ich war 17 Jahre und zwei verliebte Vetter sind hinter mir gesessen. Nochmals Dottor Serafico, die herzlichsten Wünsche zu Weihnachten und 1914 MT Denken Sie, Ihre Frau hat mir eine reizende Miniatur vom alten Radecky geschickt, zu lieb von ihr. Bitte was sagen die Zeitungen vom Buch von Schrenck-Notzing??
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