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“Endlich zu Hause, Serafico carissimo…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

184

Data completa:

1923 giu. 15

Descrizione:

Briefwechsel: n. 397

Trascrizione:

Endlich zu Hause, Serafico carissimo, fand, Gott sei Dank und unberufen, den Meinigen und Hansl wohl, letzterer enorm gewachsen und ganz rosig, was bei ihm nie war. Die Reise war durch Regen, schlechte Straßen, Schnee am Arlberg, deutsche Grenzen vor Salzburg, sehr erschwert. Ich bin von Linz wo ich auch übernachten mußte nach Mariazell - fand dorten Gabriele (in genagelten Stiefeln und pot-de­chambre ähnlichen - mit Respect zu sagen - Hüten schwelgend) mit 6 Stück Nachkommenschaft, zu der sich Maridl ohne viel Enthusiasmus gesellen mußte. Mariazell hat mich eigentlich enttäuscht; die Kirche, schlechtes Barock, überladen, traumlos. Die Madonnen Statuette in prunkvoll weiß- und goldenen Gewändern gekleidet, macht einen enorm nüchternen Puppeneindruck. Sie hatte ein fabelhaftes Gewand für jeden Tag des Jahres, aber der vorige Pabst hat die An- und Auszieherei verboten. Ich hätte übrigens diese Garderobe gerne besichtigt aber ich glaube man zeigt sie nicht. Große Engelstatuen, Säulen, Gitter, Ampeln alles aus massivem Silber. «Schatz» jedoch viel falsches Zeug. - Und den ganzen Tag Prozessionen, dabei Schützenfeste, lederne Hosen und patriotische Lieder. Eine Atmosphere wie für Sie geschaffen, Serafico! Und Gabriele immer wie eine Henne die Entlein ausgebrütet hat, fast so jung wie ihre Töchter aussehend und rührend in ihrer hilflosen Mütterlichkeit. Endlich Wien wo ich gleich Erich, Sophie Öttingen (welche sich sehr nach Ihnen erkundigte) und abends Kassner sah. Letzterer zwar etwas besser, aber doch lang nicht gut; was es ist, verstehe ich nicht recht. Er sieht schlecht aus, sehr mager, und muß jetzt eine Kur machen, geht in die Schweiz (den Namen des Ortes habe ich vergessen, Lang ... ich weiß nicht was.) Da wird er Sie jedenfalls besuchen, und ich bin desperat nicht dabei zu sein. Die Granate habe ich ihm vorgelesen, er war entzückt von Original und Übersetzung. - Ich arbeite fleißig an den Elementen, aber bin nicht sehr zufrieden. Das Wetter scheußlich, kalt, Regen, Wind - ich sitze beim Feuer - auch viel in der Bibliothek. Haben Sie Herrn Reinhart gesehen? Hat er Ihnen von meiner Visite erzählt und haben Sie den Eindruck daß er bestimmt Kerschbaumer rufen wird? Ich glaube ja, da er mir es quasi versprochen hat und mir sehr verläßlich scheint. K(erschbaumer) wäre selig - nur habe ich, dummerweise, vergessen zu fragen, wann ungefähr der Zeitpunct wäre. Haben Sie eine Ahnung davon? Ich will übrigens Herrn R(einhart) nächstens schreiben, um ihm zu wiederholen daß er uns gewiß besuchen sollte; wenn er nach Prag auf seinen Fahrten kommen sollte. Es möchte mich wirklich sehr freuen. Wissen Sie was ich mit großem Genuß jetzt lese (ich kannte nur einzelnes) Les lettres de Mll de Lespinasse! - Lenéru und Jammes habe ich fertig gelesen; beide besonders die Lenéru sehr interessant. Ich will ihr Buch über St Just kommen lassen. Verzeihen Sie dieses Schandpapier - ich finde aber momentan kein Anderes und wollte Ihnen gleich schreiben. Sehr viel Schönes und Liebes, Serafico carissimo von Alex und mir, auch der Prof. läßt sich bestens empfehlen - Pascha geht später nach Rolle zu den Kindern, vielleicht besucht er Sie - Nochmals herzlichste Grüße MT
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