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“Ein glückliches neues Jahr, Serafico…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

144

Data completa:

1921 gen. 04

Descrizione:

Briefwechsel: n. 326

Trascrizione:

Ein glückliches neues Jahr, Serafico und eine Beschimpfung - denn Sie sind wirklich wie die Schlange im Paradies! Im Frühjahr Ihnen eine ganz kleine Visite zu machen - Gott das möchte mich tentiren! Und es würde nicht ganz ohne Aussicht sein - ich möchte mir meine Enkerln in Gstaad anschauen, meine alte Antoinette in Freiburg - ein kleines Möberl abholen welches in Bern für mich aufgehoben ist - meine Souvenirs welche in Lugano deponirt sind - kurz ich hätte etliche Gründe in die Schweiz herum zu sausen, und der Hauptgrund wären eigentlich Sie, Serafico carissimo, wenn Sie ganz sicher sind daß ich Sie nicht störe und daß Sie mich haben wollen. Sagen Sie mir von wann an Sie aus Ihrer strengsten Einsamkeit eventuell heraus kriechen würden - Was Sie mir über Keyserlings Buch schreiben ist ganz richtig - auch mich hat diese ganz unmotivirte und falsche Aussage über Sie sehr befremdet; ich hatte mir vorgenommen ihn darüber zu interviewen - aber in Darmstadt kam man ja kaum zu Wort - er hatte in der kurzen Zeit in welcher ich mit ihm plaudern konnte, so vieles über seine jetzige Thätigkeit zu erzählen, über seine unheimlichen Abenteuer in Rayküll, über die politischen Verhältnisse dorten und in Deutschland daß ich nie die richtige Gelegenheit fand, und ich wollte eine gründliche Aussprache. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Um so mehr wunderten mich seine Worte, da er vor dem Kriege einmal, mit so große; ehrlicher Begeisterung Ihren Elegien zugehört hatte. Besonders über die Erste war er entzückt. Wissen Sie, ich halte Keyserling für, eine sehr complizirte Natur - vielleicht kann er eben desshalb so weise sprechen daß er alles in sich vereint, Weisheit und Thorheit, tiefste Demuth und kindischeste Eitelkeit, allgemeine Menschenliebe und größter Egoismus - Je mehr ich ihn kenne, desto mehr wundere ich mich über ihn - Sein Onkel Eduard sagte mir einmal lachend: Hermann bleibt vor sich selbst stehen, wie ein Kind vor dem Christbaum - aber so bleibe ich auch manchmal vor ihm, bouche beante, denn an diesem Christbaum sind nicht nur Lichter und Herrlichkeiten - Mais voilà, peut-être que, pour tout comprendre il faut taut ressentir. Es ist in ihm, neben höchster Cultur etwas ganz wildes, etwas unbändiges, was von den Steppen kommt und vielleicht von noch weiter. Als ich ihm adieu sagte, hatte ihn seine (reizende) Goedela ins Bett gesteckt weil er sich überanstrengt hatte - Da lag er unter einem halben Dutzend Federbetten in einem bunt gestickten Hemd, mit seinen kleinen geschlitzten Kalmucken Augen und seinem breiten, lachenden Mund - der russische Moujik ganz und gar - Und früher als er seinen Vortrag hielt, im correcten Anzug, eine Hünengestalt hoch aufgerichtet, sein mir so sympathisches baltisches Deutsch sprechend mit wenigen ganz natürlichen Bewegungen, da war er der deutsche Rittersmann - und es wunderte einem nicht zu denken daß er kurz vorher zu einer Arbeiterversammlung als man ihn frug was er wäre (und seine Collegen sich alle in Liberalismus, Democratismus etc verkrochen) ganz ruhig: «Feudalaristokrat» antwortete - Aber genug vom Keyserling - ich muß Ihnen sagen wie sehr es mich freut daß Sie mit Ihrem Schloß so zufrieden sind, und wie ich gelacht habe über die Wirthschafterin-Atmosphäre - Erinnern Sie sich die arme Miss in Duino? die war mehr Gewitter artig! Pascha war jetzt in Duino, war traurig über die letzte Zerstörung (Blitzschlag und Brand welche das Letzte vernichteten) - und gerührt über die Freude der dortigen Leute welche ihn weinend umarmten - dann fuhr er nach Venedig um die Mitternachtsmesser in der Markuskirche zu hören. Gestern hatte ich eine Karte vom guten Brown bei dem er lunchen sollte. Unsere Weihnachten waren eher still; Alexander war da und einige Herrn von der holländischen Gesandtschaft. Aber zwei Tage später (durch eine dumme Confusion der Nonnen verpaßten sie die Feiertage) kamen die großen Mädeln aus Zangberg. Mariedl wird entzückend, sehr groß (größer wie Alex) mit einem ganz kleinen Kopf, süperben dunklen Haaren - und einem reizenden Profil. Die Gestalt sehr schön; während das die Schattenseite von der dicken Lori ist. Nur der Kopf ist schön bei ihr, vorderhand - blendender Teint, rothblonde Haare - wird sich noch machen wenn sie etliche Kilos verliert. Beide waren selig hier zu sein, besonders wegen des geliebten Großpapa. Heute früh sind sie nach Zangberg zurück. - Unser guter Professor fliegt herum, hat Conzerte und Erfolge, aber mehr moralischer als finanzieller Natur. Sie sollten von ihm die Mondscheinsonate hören - ich seh dann immer die Duiner Mondnacht -und das Schloß -und höre die Wellen brausen... Von Couperus, Serafico, lesen Sie die Comödianten, Heliogabalus, Babel - Letzteres wegen der Einleitung speziell, Sie hören die Götter lachen ... Ich habe übrigens das alles hier -Wenn Sie im Sommer kämen (!?) wäre es herrlich es zusammen zu lesen - Couperus selbst ist rasend unterhaltend und interessant aber zu komisch - un gros Monsieur d‘un certain âge, membru et ventru, chauve, un visage large, rouge, rasé, des mains é normes - et des petits gestes précieux de bayadère - J‘attends avec impatience la traduction de son dernier roman Alexandre - Also Sie haben französisch geschrieben, Serafico? Ich erwarte es mit Ungeduld! Vergessen Sie nicht mir es zu schicken. Kassner ist in Oberstdorff (Allgäu -) habe schon ziemlich lange nichts von ihm gehört. Vorderhand bleibe ich ruhig hier, denke nicht vor mitte April eventuell mich zu rühren. Ich schließe für heute, verzeihen Sie Schrift und Papier - und wenn Sie Zeit haben schreiben Sie mir ein paar Zeilen. Alles Herzliche von uns beiden MT.
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