passa al contenuto principale

“Dottor Serafico carissimo. Ich fange diesen Brief heute an…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1915 ago. 17

Descrizione:

Briefwechsel: n. 221

Trascrizione:

Dottor Serafico carissimo - ich fange diesen Brief heute an - will ihn aber erst schließen bis Alex der Samstag abends nach - unten -gefahren ist um Pascha zu besuchen, wieder da ist um Ihnen Nachrichten von D(uino) zu geben. Ich habe vorgestern wieder einen Schrecken gehabt - es waren nämlich Gerüchte daß D. wieder «vernichtet» wäre - Gott sei Dank und unberufen scheint es nicht wahr zu sein. Tausend Dank für Ihren Brief vom 2ten - Schon lange wollte ich antworten aber je ne suis pas trop dans mon assiette ces derniers temps und komme zu nichts. Heute früh habe ich einen Brief von Kassner erhalten - der in seinem neuen Heim recht zufrieden zu sein scheint. - Ist es möglich in dieser Zeit ruhig zu leben, an den kleinen alltäglichen Dingen zu denken - ein «menu» zu bestellen - Blumen in Vasen zu richten - bei einem Antiquitätenladen stehen zu bleiben - und doch thut man das alles - eine kleine leichtsinnige Flöte die weiter für sich allein piepst während die Klänge der großen Weltorgel wie ein Sturm über die Lande brausen - Nur die Musik besteht noch - schluchzt und jubelt mit - wartet mit - Heute abends ist ein Konzert - Haydn, Mozart - Schubert eine göttliche Dreieinigkeit. Es ist das erste seit langem. In die Oper bin ich überhaupt nicht ein einziges Mal gegangen - Die menschliche Stimme kann man jetzt nicht hören .... Ich habe Ihren Sct Georg geschickt D. S. man hat es gar so gewünscht und es ist eine patriotische Sache - Ich habe jetzt auch neue Gedichte (wenigstens für mich neue) von Werfel gelesen - darunter wunderbare Sachen - auch die «Hecuba» darunter - ja Sie haben recht es waren Propheten da, die mit beklommenen Herzen das Kommende ahnten, Sie waren auch einer - Ich werde Ihnen doch diesen Brief noch heute schikken, und Ihnen dann noch einmal schreiben. Carola welche in Baden ist, hat mir soeben telephonirt daß sie einen Brief aus Triest vom 14ten hat der kein Wort von einem Brand in Duino sagt, im Gegentheil sich freut (tausendmal unberufen!) daß alles intact sei. - Gegina ist auf Sommerfrische - die ist auch eher ein Kummer für mich da ihre krankhafte Abneigung immer crescendo geht. Mais que faire? Alles alles Herzliche - wie froh wäre ich ein wenig mit Ihnen plauschen zu können wie in alten längst vergangenen Zeiten die schon fast gespensterhaft wirken - als wir die Vita Nuova zusammen lasen - erinnern Sie sich, D. S. in meinem kleinen Boudoir voller Blumen - mit dem schönen Kopf den wir für Paolo Veronese hielten über die Schulter herunter schauend - die kleine Lampe auf dem Tisch zwischen uns .... Und alles war so ruhig, so still so friedlich - la pace fiorita di Duino - Ahimè! Und denken Sie noch an «die Unbekannte» die als geheimnissvoller Schatten durch unser Leben huschte? Und unsere Fahrt nach Saonara - die Gärten von Val San Zibbio - und in der Dämmerung das steinerne, einsame Grab von Petrarca - Haben wir das alles geträumt? Vita somnium breve! Nochmals alles alles Herzliche MT
Torna su