passa al contenuto principale

“Tausend Dank für Zeilen und Ansichtskarten, Dottor Serafico…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Segnatura:

32

Data completa:

1912 mag. 14

Descrizione:

Briefwechsel: n. 86

Trascrizione:

Tausend Dank für Zeilen und Ansichtskarten, Dottor Serafico - ich hätte Ihnen schon früher geantwortet aber - und jetzt denken Sie sich die gewöhnlichen Entschuldigungen - In Wirklichkeit ich fand nicht die Stimmung - ich bin in der Verfassung von einem Ychtiosaurus (ortographe?) der in einem Hühnerstall eingesperrt ist - Und mehr als je spüre ich Sie und Kassner als große Catastrophen. Aber ich gestehe zu meiner Schande, daß die «gutbürgerlichen» Geister und die Ischias von G., daß die perfiden Renesse mit sammt den hinterlistigen Trüffeln von C., daß die Columbuswuth meines Bruders und die unschuldige Dummheit (oder dumme Unschuld, wie Sie wollen) des ominös benannten Doctors daß dieß alles meine Ruhe nicht so stören und meine Geduld nicht so proben würde als eine andere Gegenwart die Sie sich ja denken können -und die hier in diesem Milieu mir wenigstens ganz besonders unerträglich ist. O Gott Dottor carissimo! wie ist es möglich, daß ein Mann so zart besaitet, so raffinirt im Geschmack, so durch und durch Grand Seigneur wie mein Bruder eine solche Verirrung begehen kann - und nach so viel Jahren dieses -in jeder Kleinigkeit einen verletzende - Wesen noch immer bewundern kann! Lieben, ja, in Gottesnamen - Und ich habe das große Unglück mich so gar nicht verstellen zu können - ich gebe mir Mühe, wäre desperat ihn zu kränken und ich kränke ihn doch, sicher - Und sie ist ja ein guter Kerl, im großen Ganzen, mit der facilen lustigen Gutmüthigkeit des femmes du peuple, in Italien - Mais voila ..... Wolkoff war hier - Haben Sie ihn wieder gesehen -? Er ist doch zurückgeblieben -1880 höchstens -kämpft glaube ich gegen längst überwundene Feinde - jedenfalls fehlt in ihm das was er in der Kunst (welche immer) trotz seines «Auges» eben nicht sieht -und darum hat er sie aufgegeben gehabt - sowohl die Malerei wie die Musik - Und er der doch so als Fachmann spricht, ist, scheint es mir, eben deßhalb dilettant geblieben weil er nur das technische, nur das materielle in der Kunst anerkennt - finden Sie nicht? - Da außer Wolkoff meine beiden Söhne da sind, dann Dr. Rziha, und heute früh meine kleine Nichte Vera angekommen ist (sie ist nebenbei desperat daß Sie weg sind und sie so einen «wirklichen Poeten» den sie überhaupt zum ersten Mal sehen würde, verpaßt hat) so sind wir sehr zahlreich; diesen Augenblick haben sich die Leute ausgesucht um krank zu werden - der Koch hat Schmerzen von allen Seiten - Josef liegt im Bett und auch Miss Greenham hat ihr jungfräuliches Lager aufgesucht. Sweet and to the poim, sagt der Engländer. Placci kommt morgen oder übermorgen, und ich denke daß wir Montag den 20sten starten. Fritz & Co, Gegina und Carola wollen glaube ich Samstag, Niniche Freitag abfahren. - Alex, wenn‘s wahr ist, nous rejoim den 24sten in Serajewo. Wenn‘s nur nicht zu warm wird­heute ist es schon sehr ausgiebig. Die Rosen auf der Terrasse wunderbar - auch noch in der Riviera eine Menge Blumen. Wie fühlen Sie sich auf den Zattere? Waren Sie schon bei Amelie Wallis und haben Sie Jo wiedergesehen? - Ich habe Ihre 2te Elegie Pascha und Erich vorgelesen welche beide ganz weg waren - Aber wissen Sie was ich jetzt gethan habe - ich sage es Ihnen weil es merkwürdig ist - ich lese wieder «The Centaur» und spüre wieder dieses merkwürdige Gefühl wie das erste Mal - etwas rufendes, etwas klingendes - etwas wunderbares -nicht klar gesagt - im Gegentheil wie wenn jemand stammeln würde -und doch, oder vielleicht deßwegen ... O Dottor Serafico das müssen wir zusammen lesen! Das Görzer Quartett war Sonntag hier - Haydn Mozart, Beethoven Brahms-unvollkommen aber mit rührender Freude und Leidenschaft gespielt - der Violoncellist, ein 16jähriges Mädel, (die am besten spielte) mit wunderbaren großen blauen Augen und einem Gesicht wie von einer kleinen Sphynx - Schade daß Sie sie nicht gesehen haben - Auf wiedersehen, lieber Freund, lassen Sie bald von sich hören. Alles Herzliche von uns allen MT
Torna su