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“Meine liebe Fürstin, ich habe sofort gelesen, laut gelesen…”

Sottoserie:

Lettere di Rainer Maria Rilke a Marie Thurn und Taxis

Data completa:

1913 ago. 14

Descrizione:

Briefwechsel: n. 162

Trascrizione:

Meine liebe Fürstin, ich habe sofort gelesen, laut gelesen, lauter gelesen, immer zuhörender dem ins Südliche hinein verzauberten Grundton -, nun weiß ich nicht, was ich Ihnen als das Schönste nennen soll: die Giuditta wäre es unbedingt, wäre nicht der Orpheus da ,- diese beiden Gedichte sind ganz tief durch Ihr Wesen hin durchgestaltet, ich staune, wie Sie im Orfeo das Herauftreten, den Gang der Gestalten, die Klage, - wie Sie das alles erreicht und erworben haben, die Sprache hatte gar keine Wahl, sie mußte geben, was ein so erfülltes und überzeugtes Gefühl ihr auftrug-, und sie gab mit der ihr eigensten, sorglosen Großmuth. Ich bin, wie ich es Ihnen damals gleich sagte, stolz auf meine Arbeiten, daß sie die Kraft hatten, in Ihnen die Intensität hervorzurufen, ohne die eine solche Umbildung nicht denkbar ist. Die Auswahl, die Damerini nun bekommt, ist recht vielfältig; es ist gar nicht so wichtig, was er dazu anmerkt; ich habe das Bewußtsein, daß Ihre Übertragung meine Gedichte rühmt und kenntlich macht, und daß es da gar keines Interpreten bedarf. Auch die andern sind mir lieb, auch «Cavalca il cavalier ... », aber Orfeo und die Giuditta müssen doch noch stärker in Ihnen entstanden sein, sie stehn da wie Glokken, in deren Klang es ja immer mitverstanden bleibt, daß sie glühend in die Form hereinstürzten, in der sie dauern. Ich möchte Ihnen viel schreiben, Fürstin, ich bin in Sorge, meinte, den Sommer so recht zu verwenden, um allerhand halb körperliches, halb geistiges Übel loszuwerden, und nun ists Tag um Tag, als tauschte ich immer nur das eine gegen das andere ein, jedenfalls werd ich meiner und meiner so reich erschlossenen Welt nicht froh. - Ich gehe in einigen Tagen nach Berlin (zu meinem Zahnarzt) und dann wahrscheinlich doch noch weiter zu Dr Ziegelroth ins Riesengebirge. Darüberhinaus steht München auf dem Programm und am Ende noch einmal Leipzig, wenn ich das alles ausführe, so wird Deutschland mich dieses Jahr noch recht lange beherbergen -; die Aufführung von Claudel‘s «Annonce faite à Marie» in Hellerau ist auf November aufgeschoben; möglicherweise bin ich dann noch in Leipzig, und in diesem Fall käme ich zu diesem Anlaß hinüber; hatten Sie vor, sichs anzusehen? Schrieb ich Ihnen neulich, wie sehr mich diese ganze Zeit der junge Dichter beschäftigt, Franz Werfel, den ich mir kürzlich entdeckt habe?; ich lese fast nur ihn, staunend, staunend; und schrieb ich Ihnen, wie ich, durchreisend in Berlin, den dortigen Amenophis IV. sah?: das sind die beiden Centren meiner etwas wehmüthig langgezogenen geistigen Ellypse. Lesen Sie Tolstoi‘s Briefwechsel mit der Gräfin Alexandrine Tolstoi, seiner Kousine, sehr viel mehr zu empfehlen als Bl ... Meine Adresse ist nur noch ein paar Tage diese, ich schreibe bald die künftige, sonst erreicht mich immer auch alles durch den Insel-Verlag in Leipzig; aber Louize Labbe behalten Sie, bitte, noch bei sich, - es hat keine Eile. Viele, viele herzliche Grüße, Ihr D. S. P. S. Beiliegende Verse, neulich im Wald aufgeschrieben, mögen in Ihr kleines Buch gehören, falls Sie Sympathie für sie haben.
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