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“Dottor Serafico carissimo. Ich schreibe Ihnen aus meinem Bett…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1914 mag. 27

Descrizione:

Briefwechsel: n. 198

Trascrizione:

Dottor Serafico carissimo - ich schreibe Ihnen aus meinem Bett - dieser entsetzliche Scirocco der seit drei Tagen tobt, hat mich sehr hergenommen - und obwohl es mir schon - unberufen! - viel besser geht, bin ich noch nicht ganz am Fleck. Mir ist es sehr leid daß Sie sich doch nicht in Venedig aufgehalten haben - denn ich hatte die Empfindung daß es Ihnen gut thun würde, und daß nach dem «zu viel» der letzten Zeit, Sie nicht unmittelbar in die ganz große Einsamkeit - in eine andere zu große Spannung sich stürzen sollten. - Schließlich kann man nirgends so gut wie in Venedig für sich leben, und Pia V(almarana) hätte es verstanden und Ihnen geholfen. Aber das ist jetzt vorüber, Sie wissen nur daß das Mezzanino Ihnen eventuell offen ist, wann immer. - Wissen Sie D. S. ich glaube Sie sollten nicht an die «povertà» noch an den «Poverello» zu viel denken. Lassen Sie die wunderbare Natur auf Sie einwirken - setzen Sie sich gegen Sonnenuntergang in den Chiostro von Assisi und schauen Sie die violetten Schatten im Tiberthal - gehen Sie zum Castello dell'Abbate - ein entzückendes Platzl - auf einem Hügel ein alter viereckiger Thurm mit einer verlassenen Kirche, wo wenn ich nicht irre noch Spuren von alten Fresken zu sehen sind - daneben ein traumhafter kleiner Chiostro, mit einer doppelten Reihe von romanischen Säulen - jetzt müßte der kleine Hof zu dem man durch ein schönes monumentales Thor kommt, ganz voller Rosen sein - Es war, wie ich dorten mich befand, ganz einsam und unbekannt und ist in der Nähe von Perugia - ich glaube ungefähr 20 Minuten oder eine kleine Halbe Stund per Auto - D. S. Sie sind ein Instrument das sich immer von selbst stimmt -thun Sie nicht gewaltsam da herum arbeiten, es macht sich von selbst. Meine kleine Nichte die noch da ist - Gott sei Dank , denn sie ist wie ein Sonnenschein im Haus - behauptet daß Ihnen nichts so wohl gethan hätte als noch lange mit ihr zusammen zu sein, und viele Geschichten vom «müden August» zu hören. Dafür sind wir mit Indien bis zur Bewußtlosigkeit gefüttert worden! Aber gestern ist Carola weg und heute abends kommt Alex - Placci ist nicht durchgereist, und wir haben wenig Gäste gehabt. Ich denke Fritz und Zina kommen später - und gegen Ende Juni fahr ich hinauf - Vielleicht kommen Sie dann nach Lautschin, aber lassen Sie mir es a tempo wissen wenn möglich, damit wir Sie in Ruhe haben können. Wir haben, Pascha Vera und ich, eine kleine Autotour gemacht die sehr gelungen war. Von hier in einem Tag nach Trient, dann Verona - wo Vera zum ersten Mal eine Arena sah. Ich dachte viel an unseren Abend in der Arena - dieses Mal war es auch herrlich - hunderte von Schwalben kreisten über den wunderbaren Raum und der Himmel mit leichten schimmernden Wolken besät, schien dazu zu gehören, seine Vollendung zu sein - Ich bin sehr lange dorten gesessen, wo wir damals zusammen waren, während die Kinder herumkrabbelten - Außer mir waren nur am anderen End der Arena drei schwarze Geistliche im langen Talar, und von Zeit zu Zeit drang aus der Ferne das fröhliche Lachen von Vera. Dann kamen wir wieder nach Venedig, sahen die Fritze, sahen den guten Brown der viel von Ihnen und Kassner sprach, sahen Damerini der die Idee des «Buches» fallen läßt und nach Ihren Wünschen eine Revue suchen wird -Auch Wallis habe ich begegnet, habe mit ihm die Blumenausstellung im Pal(azzo) Ducale angeschaut und viele Antiquare besucht - leider - car le diable tenta la femme - et elle succomba à la tentation. O Serafico wie höre ich noch immer klingen das merkwürdige «und mir» von Ihrem spanischen Gedicht - Auch Jacquel(ine) Pourtalès hat noch davon mit Ergriffenheit gesprochen. Das ist ein langer Brief geworden, ich schließe; D.S., schauen Sie hinaus - jetzt nicht hinein. Alles Herzliche von uns allen MT
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