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“Dottor Serafico carissimo. Ich fange zu schreiben an…”

Sottoserie:

Lettere di Marie Thurn und Taxis a Rainer Maria Rilke

Data completa:

1913 apr. 06 ?

Descrizione:

Briefwechsel: n. 151

Trascrizione:

Dottor Serafico carissimo - Ich fange zu schreiben an - und weiß daß ich kaum ein paar Zeilen schreiben werde - denn ich bin stupid und faul - war miserabel und kann mich noch nicht recht zusammenkrabbeln - 14-4 <1913, Montag> Und heute erhalte ich Ihren Brief und bin tief beschämt -Aber ich wollte immer eine ruhige Stunde um Ihnen einen ordentlichen Brief zu schreiben und Ihnen für Ihre Beiden die mich so sehr freuten und interessirten zu danken - und einmal war ich miserabel, einmal war ich gestört - kurz u. s. w., u. s. w. Diesesmal wird es nicht lang werden - ich habe um 12 Uhr einen Mann mit einer fabelhaften Stiche­Sammlung her bestellt - leider solche Preise daß einem die Haare zu Berge stehen und man nichts kaufen kann. Dann bin ich wieder auf dem Sprung nach Lautschin wo ich einige Tage sein werde, mit fürchterlich viel zu thun - et rien d‘agréable - Überhaupt ich habe eine bewegte Zeit hinter mir - und ich fürchte auch noch vor mir, und bin ganz in Ziffern vergraben; darüber mündlich, wenn Sie wie ich sehr hoffe heuer nach Lautschin kommen. Nach Lautschin muß ich wieder her; dann Duino aber nur auf kurz glaube ich. Heuer werde ich leider kaum zu einer AutoReise kommen. Über Ihren Klaviermann hätte ich gelacht, wenn ich nicht aus Erfahrung wüßte wie entsetzlich das sein kann. Schlagen Sie den Menschen tod. Nehmen Sie sich une fronde, comme David, und bringen Sie den Missethäter um. - Ja sprechen Sie denn portugiesisch??? Wie freue ich mich auf die Briefe auf die übersetzten, wenn man Ihnen nur die nöthige Ruhe läßt und das scheint - (und auch nicht allein durch das Clavier-Ungethüm) - nicht der Fall zu sein! Schimpfen Sie auch nicht über Jean-Christophe - Es mag sein wie es will, ich habe es mit so viel Freude gelesen obwohl es gar kein raccourci hat - besonders die ersten Bände - Ich weiß, auch der Dottor mistico verachtet mich deshalb aber ich bleibe dabei - denn ich bin eine treue Seele - Das treueste Herz - sagte mir eine alte großartige Frau - Die treuesten Augen - das sagte ein anderes Wesen das längst zu «the great majority» entschwunden ist. Und wissen Sie was das größte Compliment von Alex war, das er mir zweimal in meinem Leben machte?: Du bist halt ein echter Gentleman - bezeichnend für ihn, nicht wahr? Aber über mich reden ist langweilig und ich hätte gerne mehr von Marthe gehört. Was geschieht jetzt mit ihr - ist sie noch immer getrennt vom Russen? Wie gerne möchte ich dieses merkwürdige Wesen kennen lernen. - Und hier schneit es; zwei Winter in einem Jahre, das ist zu viel des Guten - und dieser blöde Nikita schießt weiter auf Skutari, und der Papst stirbt und den König von Spanien will man abkrageln - kurz die Welt ist aus den Fugen, man spielt Klavier neben Ihrem Atelier, mein Atelier wird mir entrissen, die Titi ist in der Hoffnung, die Gegina hat sich mit ihrer Astrologin brouillirt und meine Schwiegermutter ist wieder pumperlgesund. Sie sehen es geschehen Zeichen und Wunder - wir leben in einer unberechenbaren Zeit. Sagen Sie Romain Rolland daß ich ihn kennen lernen möchte - und verzeihen Sie diesen blöden Brief. A rivederci, Dottor Serafico! MT Haben Sie noch schöne Musik gehört? Ich brauche es immer mehr. Letzthin das Forellenquintett von Schubert - entzückend ,viedergegeben - und so wohlthuend, beruhigend, une paix si dauce et si délicieuse - et généralement pour mai la musique ce n’est pas du taut la paix - Beethoven p(ar) e(xemple) on dirait qu’il me tord taut le cæur comme avec des mains cruelles et adorées - 15-4 <1913, Dienstag> Kassner war heute lange da - und es kam eine reizende ganz junge Frau die er sehr bewundert (er kannte sie aber noch nicht). Und da funkelten und strahlten seine großen Augen ganz unheimlich. Ich hatte Dürer Stiche, entzückende, bei mir. Er läßt Ihnen sagen mir zu schreiben was Sie ihm über die Melancholia sagten. Und wo ist die «Unbekannte», ist sie ganz zurück in ihrem Nichts - und auch dieser Traum zerronnen? Und ich denke an die schweren Schritte die Carlo hörte und an unsere schwachen keiner Ausdauer fähigen Herzen.
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